Der italienische Regisseur Pier Paolo Pasolini richtet sich in dem spirituellen Drama streng nach der Vorlage des ersten Evangelium des Matthäus. Er verzichtet am Set gänzlich auf ein konventionelles Drehbuch. Er hält auch die chronologische Folge der Ereignisse ein. Die Handlung beginnt mit der Ankündigung des Erzengel Gabriels, erstreckt sich weiter über die Geburt Christi und endet mit der Kreuzigung auf dem Berg Golgatha. Dazwischen wird der Lebensweg Jesus anhand von losen, aber stets wiedererkennbaren Episoden dargestellt.

Pasolini erweist hierbei den vielen aggressiven, weniger friedensstiftenden Predigten Jesu seine besondere Aufmerksamkeit. Das 1. Evangelium Matthäus besticht durch seine ausgeprägte Werktreue. Handlungen, Figuren und selbst Dialoge werden fast unverändert aus der biblischen Vorlage übernommen. Dieses Gefühl naturalistischer Unmittelbarkeit wird durch den Einsatz ausdrucksstarker Laiendarsteller, die Pasolini aus seinem Bekanntenkreis rekrutiert hat, noch verstärkt.

Als bekennender Kommunist und Atheist stand Pier Paolo Pasolini vor einem Glaubwürdigkeitsproblem. Er wollte die Geschichte Christi erzählen, aber dabei nicht als eigentlicher Erzähler angesehen werden. Pasolini hat sich für eine außergewöhnliche Kameraführung entschieden, die in manchen Szene wie eine dritte Person über die Geschehnisse berichtet. Dadurch konnte sich der Regisseur aus seiner eigentlichen Funktion als Inszenator zurückziehen. Der starke inhaltliche und dramaturgische Bezug auf die biblische Vorlage, die laienhafte schauspielerische Leistung der Akteure und der Verzicht auf jeglichen Pathos geben dem Werk ein starke naturalistische Note.

Jesus tritt weniger als milder Sohn Gottes, sondern vielmehr als starker Kämpfer auf, dessen entschiedene Reden überraschend brutal ausfallen. Pasolini entmystifiziert die Figur Christi nicht, er stellt auch die von der Amtskirche festgesetzte Dogmen nicht in Frage. Er betont vielmehr die sozialen Facetten seines Wirkens und gibt dem religiösen Werk dadurch einen ungeahnt politischen Beigeschmack.

 

 

Wir zeigen Das 1. Evangelium – Matthäus in Kooperation mit dem Fachbereich Kunstwissenschaft der Universität Konstanz begleitend zu dem Seminar Pier Paolo Pasolini. Eine Einführung in seine Filme.

Spielzeit: 15. Januar 2019

Film-FSK 12

Italienische Originalversion mit englischen Untertiteln

ITA/FRA 1964; 138 min.; Regie: Pier Paolo Pasolini; Drehbuch: Pier Paolo Pasolini; Musik: Luis Bacalov; Kamera: Tonino Delli Colli; Schnitt: Nino Baragli; Produktion: Alfredo Bini; mit: Enrique Irazoqui, Margerita Caruso, Susanna Pasolini u.a.