Zain (Zain al Rafeea) lebt mit seiner Großfamilie in Capharnaüm, einem libanesischen Fischerdorf am See Genezareth. Er ist ungefähr 12 Jahre alt. Es gibt keine Geburtsurkunde, auch die Eltern kennen sein Geburtsdatum nicht. Bisher wollte das auch noch nie jemand wissen. Erst jetzt, da er sich wegen eines Messerangriffs verantworten muss, wird Zain zum ersten Mal wirklich ernsthaft etwas gefragt. Und er hat etwas zu sagen: Er verklagt seine Eltern. Dafür, dass sie ihn in die Welt gesetzt haben. Weil das nicht rückgängig gemacht werden kann, will er wenigstens erwirken, dass sie keine weiteren Kinder mehr bekommen dürfen.

Er erzählt dem Richter von der schäbigen Behausung im Armenviertel, von der Notwendigkeit täglich Geld nach Hause bringen zu müssen. Wie der Vater seine jüngere Schwester Sahar an einen älteren Nachbarn verkaufte. Wie er von zu Hause weglief und auf der Straße lebte, wie er Rahil, eine illegal in Beirut lebende Äthiopierin traf und, als diese verschwand, sich um deren einjährigen Sohn kümmerte. Und schließlich von der Messerattacke. Jedem geschilderten Ereignis stehen dabei atemberaubende, unruhige Bilder zur Seite, die dem subjektiv Erlebten die Mechanismen zum Himmel schreiender sozialer Ungerechtigkeit entgegensetzen. Ganz leise scheinen bisweilen zärtliche Momente kindlicher Solidarität und des Füreinander-da-Seins durch.

Capernaum ist weder textlastiger Gerichtsfilm, noch tränenlastiger „Armutsporno“, er ist weder wertend, noch urteilt er über seine Protagonisten. So mitreißend der Überlebenskampf im Armutsviertel und später in den Straßen Beiruts in Szene gesetzt wird, ist andererseits seine Bebilderung in jeder Sekunde „der Wahrheit verpflichtet“, wie Regisseurin Nadine Labaki betont. Für Capernaum wurde sie 2018 in Cannes mit dem „Großen Preis der Jury“ ausgezeichnet. Weitere Preise folgten. 2019 schickt der Libanon den Film ins Rennen um den Auslands-Oscar.

 

 

Capernaum zeigen wir im Rahmen der Diversity Days (7.-20.1. an der Universität Konstanz) und in Kooperation mit der Café Mondial Hochschulgruppe, die zum ersten Termin am 17.1. auch eine kleine Einführung geben wird.

Spielzeit: 17. – 22. Januar 2019

Trailer-FSK 0 // Film-FSK 12

Libanesische Originalversion mit deutschen Untertiteln

LBN/FRA 2018; 118 min.; Regie: Nadine Labaki; Drehbuch: Nadine Labaki, Jihad Hojeily, Michelle Kesrouani; Musik: Khaled Mouzanar; Kamera: Christopher Aoun; mit: Zain al Rafeea, Yordanos Shifera, Boluwatife Treasure Bankole u.a.