Christoph Kolumbus, als er Amerika entdeckte und auf der Insel Hispaniola landete, schnappte von den Inselbewohnern ein Wort auf, das so ähnlich wie ‚caniba‘ oder ‚canima‘ klang. Ihm war klar, dass damit ein anderes Volk gemeint war, vor dem die Hispaniolen sich enorm fürchteten. Dieses Volk wurde ihm als einäugig, hundsgesichtig und menschenfressend beschrieben. Im Mittelalter, das sich gerade im Ausklingen befand, glaubte man noch ernsthaft, dass am Rande der Welt solche Halbmenschen existierten. In Wirklichkeit war die Bedeutung des Wortes lediglich „tapfer“. Wir halten Kolumbus zugute, dass das Wort die Eigenbezeichnung des ihm unbekannten Stammes war. Dennoch setzte sich der Begriff ‚Kannibalismus‘ in der alten Welt durch und löste schnell den bisherigen, griechischen Begriff der ‚Anthropophagie‘ ab.

Dass der Begriff – auch in der Wissenschaft – seine Berechtigung hat, sieht man schon daran, dass das Verspeisen von Menschen in vielen kultischen Handlungen oder magischen Ritualen eine große Rolle spielt. Oder tragischerweise dann, wenn es gar nichts anderes mehr zu essen gibt. Im Übrigen kommt das Verspeisen von Artgenossen im Tierreich öfter vor, als man denkt und in der Weltwirtschaft sowieso (da heißt es dann Kannibalisierung).

Weil uns das Angst macht, dachten wir, müssen wir uns mit dem Thema mal genauer auseinandersetzen. Fresh Meat (2012) ist dabei ein tiefschürfender anthropologischer Diskurs zur Solomon Smith-Sekte, der Anthropophagie und die schwierige Frage nach Identität – genauer: Maori-Identität – in Neuseeland beleuchtet. Verblüffende Erkenntnisse resultieren aus der filigran zugespitzten Differenz-Relation von Killers vs. Cannibals. Noch näher dran am wahren Leben ist die jüngst in den USA erschienene Sozialstudie We are what we are (2013), die sich auf den wahren Fall einer mexikanischen Verfilmung beruft. Der Film stellt die Frage noch sozial-relevanten Inkorporierungsmechanismen und wie diese von einem gesellschaftlichen Ganzen auf eine einzelne Familie übertragen werden können.

Fresh Meat

Drei Gangster befreien einen Vierten, machen dabei entschieden zu viel Wind und haben sofort die Polizei an den Hacken. Um die Bullen abzuschütteln, steuern sie ihren Wagen in die nächstbeste, offenstehende Garage. Sie sind bei den Cranes aufgeschlagen und nehmen erstmal die vierköpfige Familie als Geiseln. Für den Anfang sind die Kräfteverhältnisse sehr ungleich. Anführerin Gigi hat bereits zum Auftakt bewiesen, dass sie mit der Pumpgun mindestens so gut umgehen kann wie Fernsehköchin Margaret Crane mit dem Kochlöffel. Der Maori Paulie braucht gar keine Waffen. Trotz Handschellen hat er zwei Mitgefangene krankenhausreif geprügelt.
Nun stehen sie sich nur noch selbst im Weg,  und das können sie sehr gut. Paulie fährt voll ab auf die hübsche Crane-Tochter Riha, was Gigi gar nicht gerne sieht, und ‚Sprengstoffexperte‘ Johnny entpuppt sich als Margarets größter Fan. Schnell stellt sich aber heraus, dass die Cranes ihren Geiselnehmern in nichts nachstehen. Familienvater Hemi frönt dem obskuren Anthropologen Solomon Smith und was hat das bitte mit der marinierten Hand im Kühlschrank zu tun? Eine Menge!

We are what we are

Nach außen hin scheinen die Parkers eine relativ normale Familie zu sein, die in einer abgelegenen ländlichen Gegend im Norden des Bundesstaates New York ihr unspektakuläres und sehr zurückgezogenes Dasein fristen. Als die Mutter unter mysteriösen Umständen stirbt, gibt sich die örtliche Polizei zunächst nicht allzu große Mühe, umfassendere Ermittlungen anzustellen. Schließlich hat man mit dem allmählich aufziehenden heftigen Unwetter bereits genug zu tun und muss sich darüber hinaus zum wiederholten Mal mit einer Vermisstenanzeige herumschlagen.
Nur Dr. Barrow (Michael Parks) hat nach der Obduktion von Mrs. Parker einen schrecklichen Verdacht. Er stellt auf eigene Faust Nachforschungen an und kommt dabei schnell einer grausigen Familientradition auf die Schliche.
Jim Mickles abgrundtief düstere zweite Regiearbeit erzeugt durch eine ungewöhnlich zurückhaltende Erzählweise und großartige Schauspieler. Es entsteht eine ungemein intensive Atmosphäre, die auch die abgebrühtesten Horrorfans bis zum bitterbösen Finale bestens unterhalten wird.

Sa, 18.1. 21:00