Zum Abschluss des Jahres 2011 wird es im Dezember in der Moonlight Madness apokalyptisch, immerhin muss das letzte Jahr vor dem großen Knall 2012 gebührend verabschiedet werden.

Und da keine Nation dem großen Knall so nahe gekommen ist wie Japan, wendet sich unser Blick dieses Mal gen Ostern, genauer gesagt auf den japanischen Exportschlager Anime. Visionen der Endzeit und die Ausdrucksform Manga, bzw. Anime sind seit Anbeginn eng verbunden. Der Protagonist des bekanntesten Werkes des „fathers of manga“ (Osamu Tezuka) trägt im japanischen Original nicht zufällig den Namen Tetsuwan Atomu („Mighty Atom“, anstatt wie hier zu Lande Astro Boy) und hat einen Geigenzähler fest installiert. Der erste Anime, der in der westlichen Welt bekanntwurde – Akira aus dem Jahre 1988 – erzählt hingegen von dem Leben Jugendlicher in einer dystopischen Welt. Hinzu kommen Serien über Cyborgs, dem Ende der Menschheit und die Verschmelzung mit Maschinen und Medien: Serial Experiment Lain oder Ergo Proxy lassen grüßen. Die Liste ließe sich erweitern, aber um es auf den Punkt zu bringen: im Dezember dreht sich die Moonlight Madness um Technik, Energie, Maschinen, Fortschritt, künstliche Intelligenz, böse Genies, Cyborg, Roboter und dazwischen der verlorene Mensch, der irgendwie mit der veränderten Umgebung zurechtkommen muss.

Dazu passend präsentieren wir diesen Monat für alle Otakus und Lunatics am 10.12 um 21 Uhr den ersten Teil der Neuverfilmung des Animes Neon Genesis Evangelion: Rebuild of Evangelion 1.11 – You are (not) alone und das futuristische Meisterwerk Appleseed.

So schillernd und unvergesslich sieht der Untergang der Welt nicht einmal bei Lars von Trier aus. Hinzu kommt, dass wir am 10ten Dezember nicht nur Vollmond, sondern auch gegen 15 Uhr eine totale Mondfinsternis erleben dürfen – wenn das kein Grund zum Feiern ist.

Seetroll

Seetroll

Dieses mal gibt es – Besucher der letzten Moonlight Madness erinnern sich vielleicht – wieder etwas zu gewinnen, was ist noch eine Überraschung. Aber wir danken jetzt schon einmal Seetroll – dem Laden für Comics & Spiele – für die Spende der Preise.

Wir zeigen beide Filme im japanischen Originalton mit deutschen Untertiteln.

Appleseed

Stell dir vor, es ist kein Krieg und du gehst doch hin. So zumindest lassen sich die unglücklichen Verstrickungen beschreiben, denen Deunan Knute sich ausgesetzt sieht – ihres Zeichens Todesengel, Elite-Soldatin, hochgezüchtet in allen noch so ambivalenten Künsten des Krieges. Auf der Erde wütete Letzterer bis vor Kurzem noch in Ausmaßen, die jeder Vorstellung spotten und, beinah unzureichend, als „globaler Krieg“ Titulierung erfuhren. Doch ein den Dingen innewohnendes und wohlbekanntes Gesetz will wissen, dass jeder Ausartung unweigerlich die Erschöpfung folgt. Mensch und Maschine haben die Waffen niedergelegt, das große Sterben ist vorbei. Dumm nur, wenn bereits alles so in Schutt und Asche liegt, dass man davon nichts mehr mitbekommt. Erst eine mobiler Polizeitrupp entreißt Deunan dem Treiben im nur mehr phantasmatischen Rahmen. Sie wird auf den Planeten Olympus gebracht, und was im alten Griechenland Sitz der Götter war, bietet sich hier als Gestaltwerdung einer utopischen Besser-Welt feil: auf Olympus leben die Menschen in scheinbar seligster Eintracht mit den Bioroids, einer Art künstlicher Humanoiden, die weder über tiefere Formen der Emotionalität verfügen noch dazu fähig sind, sich selbstständig fortzupflanzen. Auch die Beziehung zu einem verstorbenen Lover, als Cyborg reinkarniert, lässt sich hier aufwärmen. Ungleich kühler, versteht sich. Olympus – hermetisch und durch strengste Sicherheitsmaßnahmen von der Außenwelt abgeschirmt – hat es sich auf die Fahne geschrieben, der Menschheit einen letzten, oder besser: einen neuen Hort der Zivilisation zu schaffen. Dass es mit der Idylle nicht so weit her ist, wie es die Utopie vorsieht, offenbart sich dabei jedoch recht schnell …
Der Titel des Films leitet sich von Johnny Chapman aka Johnny Appleseed her, dem amerikanischen Pionier und Harmonie lehrenden Philanthropen. Basierend auf diesem Hintergrund, steht „Appleseed“ ganz in der Tradition philosophisch-normativ angereicherter Zukunftsvisionen in japanischer Popkultur. Dabei ist er die erste komplett am Computer generierte Manga-Adaption – ein ekstatischer Trip in einem visuellen Rausch aus zwei- und dreidimensionalen Bildern.

httpv://www.youtube.com/watch?v=Fv3DAZkRc50

Rebuild of Evangelion – You Are Not Alone

Um gleich zum Punkt zu kommen: Neon Genesis Evangelion – kurz NGE – inhaltlich zusammenzufassen erweist sich als schlicht unmöglich, zu schnell verliert man sich in Details, rätselhaften Hinweisen und uneindeutigen Andeutungen. Um wenigstens einen groben Abriss zu geben: Eine Welt nach einer gewaltigen Katastrophe. Das neu aufgebaute Tokyo wird von unbekannten Wesen aus dem All, genannt Engel, attackiert. Die einzige Verteidigung stellen gigantische Mechas da, die von Schülern gesteuert werden. Aber hier beginnt auch schon die Beschreibung zu straucheln – und was das alles mit NERV, der Organisation SEELE, mit Adam und Eva, dem fünften Kind, der Offenbarung und der Lanze von Longinus zu tun hat, kann man nur sehend erfahren. Denn, was Hideaki Anno und dem Studio Gainax mit NGE gelang, ist noch immer einmalig: eine krude Mischung aus traditionellen Elementen der Bildsprache des Animes, vermischt mit Mystik – aus der jüdischen Kabbala wird sich ebenso bedient wie aus christlichen und buddhistischen Werken – Philosophie, Psychologie und Science-Fiction, und trotz all dem geht unter den bedeutungsschweren Bildern die faszinierende Geschichte um Shinji Ikari nicht unter.

Seit im Jahre 1995 in Japan – und um die Jahrtausendwende dann auch in Deutschland – der Anime über die Fernsehbildschirme flimmerte, geistern immer neue Versionen der Geschichte um den Erdball. Nach sechsundzwanzig Episoden folgten zwei Spielfilme, die das Ende der Fernsehvorlage bearbeiten, eine Mangaserie, Computerspiele, diverses Merchandising, und 2007 sowie 2009 die ersten zwei Teile der vierteiligen Neuverfilmung, von denen wir den ersten Teil diesen Monat präsentieren werden. Die beiden letzten Teile von Rebuild of Evangelion – angekündigt für Herbst 2012 – lassen noch auf sich warten, wahrscheinlich wird das Ende ein weiteres Mal überschrieben, verändert, erneuert, zerstört, verrückt, dekonstruiert, verschoben, verborgen, gebrochen. Vermutlich wird auch dies nicht die letzte Version bleiben: Das Evangelion beginnt, aber es endet nicht …

httpv://www.youtube.com/watch?v=qFmkIDqAwYI