In den letzten Jahren sind erfreuliche viele Labels aus dem Boden entsprossen, die aktuelle und altbekannte cineastische Leckerbissen unter‘s Volk werfen. Eines dieser jungen Labels wollen wir am 12.11. vorstellen: Camera Obscura. Der Name lässt es schon vermuten: im 2009 gegründeten Label findet sich alles ein, was nur skurril genug ist – vor allem filmische Perlen aus den 70er Jahren, noch lieber, wenn sie aus Italien stammen.

Die nur im Deutschen so reißerisch gehaltenen Titel verdecken die Sicht auf das, was sich dahinter verbirgt: wunderbare Filme, die es verdient haben, erhalten und auf großer Leinwand genossen zu werden. Deshalb präsentieren wir im Freudentaumel die Meisterwerke Mondo Candido (1975) und Karate, Küsse, Blonde Katzen (1974) und rufen alle Liebhaber_innen der 70er-Jahre auf, uns am 12. November beizuwohnen. Los geht‘s um 21 Uhr!

Karate, Küsse, Blonde Katzen

Fünf dralle junge Britinnen schippern nichtsahnend Richtung Australien, wo sie selbstlos den akuten Frauenmangel bekämpfen wollen, als sie auf hoher See von den Schergen des Mädchenhändlers Chao entführt werden. Dieser will sie zu willenlosen Sex-Sklavinnen ausbilden lassen, um sie dann an den Höchstbietenden zu versteigern. Doch zum Leidwesen der notgeilen Piratenbande sind die (nicht nur blonden) Katzen nicht im Geringsten damit einverstanden, den Rest ihres Lebens als Lustmatratzen für fernöstliche Bonzen zu verbringen.

Und so schmieden sie einen Plan, der die Herzen von Trash-Fans und Alice Schwarzer gleichermaßen Luftsprünge vollführen lässt: Sie lassen sich in ihrem Verlies von einer Verbündeten im Eiltempo die hohe Kunst des Knochenbrechenslehren und schlagen alsbald mit Handkanten, Fußtritten und Sprüchen zurück, die selbst Bud Spencer und Terence Hill vor Neid erblassen lassen würden.

Frauen gegen Männer, West gegen Ost, Gut gegen Böse: Die Grenzen scheinen klar gezogen. Und doch hat man es hier mit dem wohl aufregendsten Joint Venture des 70er-Jahre-Bahnhofskinos zu tun, einer einmaligen Zusammenarbeit zweier unsterblicher Größen des Genrefilms: Zum einen Kuei Chih-Hung, Stammregisseur der legendären Shaw Brothers Studios, die durch Klassiker wie Die 36 Kammern des Shaolin weltweite Berühmtheit erlangten. Dementsprechend beeindruckend sind auch hier die Kampfszenen ausgefallen.

Für den nötigen Schuss Erotik sorgt hingegen ein Urgestein der Münchner Schule: Ernst Hofbauer, der unter anderem neun Teile der berühmt-berüchtigten Schulmädchenreport-Reihe inszenierte, stellt sicher, dass bei all den Rangeleien ein strikter Dresscode eingehalten wird, denn weniger ist in diesem Fall eben immer mehr. Abgerundet wird die freizügige Schlachtplatte durch eine Synchronisation in bester Rainer-Brandt-Manier. Da darf selbstredend auch Wolfgang Hess, die deutsche Stimme von Bud Spencer, nicht fehlen, der hier ausgiebig mit zeitlosen Zoten um sich wirft. Somit ist Karate, Küsse, Blonde Katzen nicht nur ein spektakuläres filmhistorisches Unikat, sondern vor allem ein Film, den man allein deshalb gesehen haben muss, um zu glauben, dass es ihn gibt.

httpv://www.youtube.com/watch?v=tvKCyOn4RtI

 

Mondo Candido

Mondo Candido, ein Film frei nach Voltaires Novelle Candide oder der Optimismus. So frei, dass man meinen könnte, der Film trägt Flügel. Leicht wie eine Feder und skurril wie kaum ein zweiter Film aus den turbulenten 70ern. Die Geschichte beginnt paradiesisch: Candide, ein golden gelockter Jüngling mit dem Gemüt eines Kindes, tanzt durch eine bezaubernde Welt. Nicht irgendeine Welt, es ist die beste aller möglichen Welten.

Doch nach einem Cunnilingus mit Kunigunde wendet sich das Blatt, schon bald findet sich Candide auf den Schlachtfeldern der weiten Welt wieder und muss feststellen, dass dort Inquisitoren, Drogen und nackte israelische Soldatinnen, die in Zeitlupe durch Mohnfelder rennen, auf ihn warten. Die Aufzählung mag willkürlich klingen, ist jedoch durchaus Kalkül. In einer gleichzeitig historisch, wie zeitgenössisch verankerten Auseinandersetzung mit Leibniz‘ »bester aller möglichen Welten«, ist Mondo Candido nicht nur verfilmte Philosophie, sondern selbst philosophische Filmsprache.

Zudem ist Mondo Candido mehr als nur cineastischer Augenschmaus, sondern auch, als letztes Werk aus der fruchtbaren Zusammenarbeit von Jacopetti und Prosperi, Zeugnis einer viel zu unbekannten Filmgeschichte. Zusammen mit Cavara begründeten sie im Jahre 1962 mit Mondo Cane das – selten gehören die beiden Worte so untrennbar zusammen – berühmt und berüchtigte Sub-Genre des Mondo Films. Mondo Cane, ein Film, der gleichzeitig faszinierte, wie schockierte, zeigte scheinbar beliebig aneinandergereihte Szenerien aus entlegenen orten in aller Welt – Rituale und Radioaktivität mit inbegriffen. Hatte Mondo Cane neben all der Anziehungskraft noch einen nicht zu leugnenden aufklärerischen Gehalt, tummelten sich im Anschluss daran unter der Bezeichnung Mondo bis in die späten 70er alle Filme, die irgendwie grotesk und exotisch verbanden.

Mondo Candido schließt den historischen Bogen und verbindet geschickt Exploitation, Filmkunst und die lodernde Fackel der Aufklärung zu einem unglaublichen Gemisch. Erleben sie den freisten Film aller Zeiten, in der besten aller möglichen Welten, in ihrem liebsten aller liebenswertesten Kinos.