Ende der 90er Jahre erschien in Tschechien eine Graphic Novel-Trilogie, die einerseits zum Kult-Comic wurde, andererseits ein höchst unbeliebtes Thema aufgriff, nämlich das Schicksal der nach dem 2. Weltkrieg vertriebenen (Sudeten-)Deutschen. Ein unpopuläres Thema trifft auf ein popkulturelles Medium. Das hat mit Art Spiegelmans Maus-Comic (über die Verschleppung seines Vaters nach Auschwitz) 1992 schon so gut funktioniert, dass die Macher dafür mit dem Pulitzer-Preis geehrt wurden. Nun liegt Alois Nebel von Autor Jaroslav Rudiš und Zeichner Jaromír auch in animierten Bildern vor, wofür Regisseur Tomás Lunák mit dem Europäischen Filmkunstpreis in der Kategorie Animationsfilm ausgezeichnet wurde.

Alois Nebel

Alois Nebel

Der schweigsame und bescheidene Alois Nebel ist Bahnwärter in einem winzigen Ort nahe der polnischen Grenze. Bis zur Annexion Böhmens und Mährens durch Hitler lebten hier Deutsche und Tschechen friedlich miteinander. Nebel wurde sogar von einer jungen Deutschen aufgezogen. Mit ihr ist nach Kriegsende etwas Schreckliches passiert, an das sich der traumatisierte Bahnwärter nicht mehr erinnern kann. Als im Jahr 1989 ein Mann, der illegal über die Grenze gekommen ist, aufgegriffen und gewaltsam festgesetzt wird, bricht etwas in Nebel auf. Er hat ihn schon einmal gesehen und plötzlich sind die verdrängten Bilder wieder da. Er erleidet einen Nervenzusammenbruch. Da der Illegale nicht spricht, wird er in die Psychiatrie eingewiesen und mit Elektroschocks behandelt. Dorthin wird auch der zusammengebrochen Bahnwärter verbracht. Als geheilt entlassen schwelt und brodelt es in seinem Inneren erst recht. In Prag lernt Nebel Květa, eine Klofrau, kennen und zum ersten Mal in seinem Leben ist er beinahe glücklich, wäre da nicht noch die quälende Last einer bisher verdrängten Vergangenheit.

Der Film ist im Rotoskopie-Verfahren hergestellt, d.h. er wurde zuerst real mit Schauspielern gedreht, dann auf eine Glasscheibe projiziert und letztendlich Bild für Bild abgezeichnet. Dasselbe Verfahren wendete Hitchcock für die Trick-Sequenzen in „Die Vögel“ an. Im Unterschied zu Hitchcock geht es Regisseur Lunak aber nicht darum, Dinge „echt“ aussehen zu lassen, vielmehr ist er dem Comic und dem Graphischen verpflichtet. In kontrastreichen, holzschnittartigen Schwarz-Weiss-Zeichnungen konterkariert er den bis dahin eher plakativ geführten Diskurs mit den Mitteln des Film-noirs und findet ähnlich wie Art Spiegelman oder Ari Folman (Waltz with Bashir) einen originären, ästhetischen Weg zur „gezeichneten Erinnerungslücke“.

Spieltermine: Fr, 21.2. 19:00 | Sa, 22.2. 21:15 | So, 23.2. 20:00 | Mo, 24.2. 19:00
Achtung: Deutschsprachig synchronisierte Fassung