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Von 1999 bis 2005 arbeitete Alexander Sokurow an seiner ‚Macht-Trilogie’. Im Zentrum stand dabei das Umkippen von Machtverhältnissen vom Höhepunkt bis zum totalen Verlust. Moloch (1999) über Hitler auf dem Salzberg, Taurus (2001) über Lenins Tod und Die Sonne (2005) über den letzten Kaiser Japans am Tag der Kapitulation nach den Atombomben eröffnen eine Gesamtschau auf die Totalitarismen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sechs Jahre später erweitert Sokurow die ‚Macht-Filme’ mit Faust (2011) zur Tetralogie und schlägt auf überraschende Art einen konzeptionellen Haken.

Faust ist ein Machtmensch, der erst am Anfang steht. Dementsprechend adaptiert Drehbuchautor Juri Arabow ‚nur’ „Der Tragödie ersten Teil“ aus Goethes Bühnenklassiker. Gleichzeitig verlegt er das Geschehen in die Zeit von Goethes Tod in „ein totenbleiches Mutterland, das die Dämonen nährt“ (Andreas Platthaus).
Der mittlerweile 61-jährige Sokurow ist der große Regisseur des Episch-Artifiziellen. Immer hat die visionäre Kraft der Filmbilder Vorrang vor dem geschriebenen Wort. Die Visualität bringt ihn denn auch sehr nah an Murnaus Stummfilm von 1926 (Faust – Eine deutsche Volkssage), von dem er nicht nur den Caspar David Friedrich-Look übernimmt, sondern auch die ‚Quadratur des Bildes’ (Normalformat). Die literarische Vorlage wird extrem wortkarg adaptiert. Die Sprechrollen in der russischen Produktion sind fast ausschließlich mit deutschsprachigen Schauspielern besetzt. Was bleibt, ist die Personenkonstellation: Faust, Gretchen und ein mephistophelischer Geldverleiher namens Mauritius Müller.

Faust steht am Seziertisch, doch Erkenntnis ist seine Sache nicht. Er ist hochnäsig, arm, ein vom Leben gelangweilter Nihilist. Es gibt keinen Deal zwischen Gott und Mephisto. Bei Sokurow ist der Himmel leer. Alles, was ist, ist auf Erden. In düster-romantischen Bildern schreibt sich eine akut einsturzgefährdete Metaphysik als Morbidität in die Körper der Menschen ein. Faust ist allzumenschlich. Für ihn gibt es nur Gretchen, das engelsgleiche Objekt seiner Begierde. Glanz hat nur das Geld.

Und dort, wo es glänzt, wird die Welt verbrennen.

Spieltermine: Fr, 06.04. – Mo, 09.04. jeweils 20 Uhr