Das italienische Pendant zum Edgar-Wallace-Film heißt Giallo, ein in den 60ern geborenes Subgenre des Krimis. Die (film-)weltbewegende Frage darin lautet nicht, wie man es erwarten dürfte, „Whodunit?“ – Viel genussvoller und schauerlicher wird stattdessen das „Wie?“ der jeweiligen Morde zelebriert. Raffinierte Storylines? Sind nicht so wichtig wie die stilvolle Kamera, spektakuläre Musik und visuell reizvoll bis eigenartige Ausstattung.

Amer zollt dem Giallo in vielerlei Hinsicht Tribut, ist Zitat und liebevolle Hommage zugleich, darüber hinaus aber vor allem eines: Ein waschechter Kunstfilm, eine sinnliche Splitterbombe, in dem sich eine erlesene Riege aus Fetischen – Haut und Haar, Lack und Leder, ein Blick, ein Hauch, Wasser und natürlich: Blut – die Klinke oder wahlweise die Messerklinge in die Hand geben.

Im Zentrum des Plots steht dreimal Ana: Die erste Episode zeigt ein kleines Mädchen, das im feudalen Landhaus der Eltern ein skurriles Sommer-Horrormärchen erlebt: Der frische Leichnam des Großvaters, der zu zwinkern scheint, ein Schatten im Türspalt, die Eltern in flagranti, eine schwarz vermummte Geistergestalt, die durch verwinkelte Flure jagt, eh voîlà le Kindheitstrauma. Im Mittelteil erleben wir Ana als junge Heranwachsende, deren Sexualität beim Flanieren in einer südfranzösischen Provinzstadt erwacht.

Der Raum zwischen Mädchenschenkeln und Kleidersaum weitet sich, Lippen werden geschürzt, Haarsträhnen geleckt, Schweiß rinnt von Schläfen, und schließlich: der strafende mütterliche Blick, die Ohrfeige. Im Schlussteil kehrt Ana als junge Frau in das mittlerweile verlassene Landhaus, die Wiege ihrer schlimmsten Träume, zurück und findet die Geister der Vergangenheit lebendiger und realer, als ihr lieb ist. Eine Mondnacht, flatternder Atem, ein Messer, ein Mord.

Amer, der erste Langzeitspielfilm des kurzfilmerprobten Regieduos Cattet/Forzani, ist eine satte Orgie von Sinneseindrücken, deren Erotik oder Horror mit Super-Close-Ups und selektiven Sounds derart dicht und intensiv eingefangen wird, dass nicht nur auf der Kinoleinwand der Schweiß tropfen dürfte.