Über uns das All – der Titel ist Programm. Jan Schomburgs Debutfilm fühlt sich an wie das unbekannte Weite, Hauptfigur Martha wird von der Impulsivität des Hier und Jetzt in das leblose Dunkel von Leere und Nichts gestoßen. Von Minute eins an schwelt latent die Aura einer namen- und gestaltlosen Feindseligkeit. Und das ist gerade deshalb so beunruhigend, weil Schomburg seinen Film so schonungslos unhektisch inszeniert.
Hier hat alles seine Zeit – und die heilt nicht nur Wunden, sie lässt mitunter auch Glas springen und Nähte reißen. So auch bei Martha – nach außen hin nimmt sie den Freitod ihres Freundes Paul mit erstaunlicher Gefasstheit. Doch – und das merkt auch der Zuschauer sofort – soviel Gefasstheit angesichts eines solchen Schicksalsschlags – das kann nicht gut gehen. Und recht hat er – mit der Zeit offenbart sich, welch tiefe Schneisen das unerwartete Ableben Pauls im Seelenleben Marthas geschlagen hat. Es sind keine laut-klaffenden Wunden, vielmehr bricht der Schmerz durch sie hindurch wie dünne Sonnenstrahlen. Sandra Hüller spielt die von ohnmacht und Verzweiflung gebrochene Frau intensiv, aber mit der nötigen Zurückhaltung. So bleibt das Handeln ihrer Figur auch in den irrationalsten Momenten immer nachvollziehbar. Doch der heimliche Star (wobei man das „heimlich“ streichen könnte) ist der Österreicher Georg Friedrich als tättowierter, einfühlsamer Akademiker mit Seitenscheitel und Ziegenbart. obwohl seine Figur erst zur Halbzeit eingeführt wird, hinterlässt der Charismatiker mit dem markanten Gesicht den wohl bleibendsten Eindruck.
Schomburg ist mit seinem Erstling ein wunderbares Psychogramm gelungen, das den Zuschauer ohne viel Worte mit auf eine Reise in seelische Abgründe nimmt – und auf den Weg dort wieder hinaus. Es ist die Mischung aus authentischen Charakteren und drückender Atmosphäre, die den Film auch Tage später noch nachwirken lässt – ohne dass man aber wirklich fassen könnte, was genau es ist. Und das macht Über Uns das All letztlich so faszinierend.
Wir zeigen “Über uns das All” in Kooperation mit dem Weitwinkel-Kino Singen. Spieltermine: 10.11.-14.11.
