Alles fing damit an, dass Joaquín Phoenix nach Walk the Line seinen Rückzug aus dem Filmbusiness bekannt gab, um sich als Hip-Hopper neu zu erfinden. Klingt für einen Hollywoodstar nicht allzu exzentrisch, dachte man und nahm das auch nicht weiter ernst. Bis zu dem mittlerweile berühmt-berüchtigten Auftritt bei David Letterman im Herbst vergangenen Jahres. Phoenix versteckte sich hinter einem langen Bart und Sonnenbrille, sagte kaum etwas, saß einfach nur da und sah total bekifft aus. So lautete dann Lettermans Abschiedspointe ungefähr: „Schade, dass Sie heute Abend nicht da sein konnten.“
Im Frühjahr feierte dann ein Dokumentarfilm mit dem Titel I’m still here seine Uraufführung in Venedig. Zu sehen war darin neben vielem anderem auch die Letterman-Sequenz und daran anschließend, wie Phoenix in einem Park fast zusammenbricht, erst sich selbst, dann Letterman wüst beschimpft. Die Bilder sind festgehalten von Casey Affleck, Schwager und Kumpel von Phoenix. Dann immer wieder: Bilder von entsetzten Agenten und Kollegen, die ihn zu Rollen oder wenigstens zum Drehbücherlesen überreden wollen. Voller Trotz hält er den guten Ratschlägen entgegen: „Vielleicht ist es Blödsinn, man selber sein und sich ausdrücken zu wollen, aber ich will es.“
Selbstausdruck wird zur Selbstdemontage und Selbstdemütigung. Konfuse Monologe, hundsmiserable Musikproben, missglückte Live-Auftritte, Fluchen, Beschimpfungen, Drogen, Nutten, Surfen auf Pornoseiten, während Phoenix zunehmend sichtbar verwahrlost. Dann immer wieder lichte Momente, Phoenix weinend, zweifelnd, hilflos, sich selbst quälend.
Dann Anfang September gibt Casey Affleck in einem Interview in der New York Times zu, dass alles im Film gestellt sei, nicht ein Scherz, sondern eine Finte, ein Stück Performance Kunst, die sich mit bewundernswerter Konsequenz über zwei Jahre hingezogen hat. Phoenix Satz „Absurd, einen Film über mein Leben zu machen, nachdem ich die ganze Zeit versuche, vom Film wegzukommen“, bekommt nun plötzlich einen doppelten Boden. Im Fake-Dokumentarismus fügen sich alle kleinen Fragmente zum Panorama des Lebens eines Hollywoodstars zusammen. Gelebte Öffentlichkeit präsentiert sich als Degeneration, Kontrollverlust und Innenansicht der Leere. Ob sich etwas so oder so ähnlich tatsächlich abspielen könnte? Fragen Sie Charlie Sheen.
