Enter the Void! – welche Stadt könnte diesen Imperativ verkörpern, wenn nicht Tokyo? Pulsierende Metropole, postmoderne Architektur neben buddhistischen Tempeln, gleißendes Licht, ohrenbetäubender Lärm, Frontalaufprall sämtlicher Kulturen und dazwischen ganz verloren ein französisches Geschwisterpaar: Oscar und Linda. Oscar verkauft Drogen, Linda arbeitet als Stripperin, gemeinsam haben sie geschworen, immer für einander da zu sein. Doch ein Club mit dem verheißungsvollen Namen »The Void« löst ihre enge Bindung auf: Oscar stirbt und die Kamera folgt von da an seinem Geist, der rastlos die Menschenströme durchstreift, einziges Ziel: seine Schwester schützen.

Diese kurze Skizzierung könnte man als Rahmenhandlung missverstehen, aber die Begriffe Rahmen und Handlung muss man verwerfen, um sich Enter the Void adäquat nähern zu können. Gaspar Noés dritter Film ist mehr als visualisierte Geschichte, er ist vielmehr eine Kette aus Assoziationen, Eindrücken und Visionen – alptraumhaft und einzigartig. Die Grenzen zwischen dem, was faktisch passiert, was erdacht, erträumt wird, lösen sich zunehmend auf, die Zeit fällt aus den Fugen, ein Strudel erfasst die Stadt und die Folgen – das Verharren auf Oscars Perspektive und permanente Orientierungslosigkeit des Rezipienten – erinnern im besten Sinne an eine cinematographischen Ulysses. Irrfahrt hier verstanden als ironisches Spiel, oszillierend zwischen allen Ebenen: da trifft auch schon einmal Metaphysik auf expliziten Sex und Drogenkonsum.
Um es auf den Punkt zu bringen: Enter the Void ist eine »ästhetische Grenzerfahrung«, ein Kampf um den Kopf des Zuschauers mit sämtlichen Mitteln, ein Hochgenuss, ein »Monstrum von einem Film«, das nicht beschrieben, sondern erfahren werden will. Ein Film, der es seinen Zuschauernnicht einfach macht, dem man dafür aber viel abgewinnen kann, da er wie kaum ein anderes Werk über die Möglichkeiten seines eigenen Mediums zu berichten weiß. Und alles, was man dazu benötigt, sind Augen zum Hinsehen und Ohren zum Zuhören: öffnet die Sinne – Enter the Void!

Tim Glaser

Enter the Void (OV, 35mm)

F/D/I 2009; 162 Min.; Regie und Drehbuch: Gaspar Noé; Musik: Thomas Bangalter; mit: Nathaniel Brown, Paz de la Huerta, Cyril Roy u.a.; FSK: ab 18

Wir zeigen den Film selbstredend in der OriginalVersion! – Sprache überwiegend englisch, kurze Passagen auf Japanisch

Aufgrund der (originalen und ungekürzten!) Fassungslänge in 35mm von 162 Minuten wird es aus technischen Gründen eine kurze Spielpause zur Hälfte des Filmes geben.

Spieltermine: 27. – 31. Januar 2011

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Nur um der Provokation willen?“ – Zur Lage eines Clichés

Neben der ungewohnt langen Produktionszeit und anschließenden Auswertung auf Festivals von fast sieben Jahren und dem u.a. damit prognostizierten Anspruch des Regisseurs an sein neuestes Werk wird in der Synopsis von Enter the Void Gaspar Noés starkes Interesse für subkulturelle Eskalation erneut spürbar, und lässt so einiges erahnen, was Mike Goodridge vom Screen International als „wilden und halluzinatorischen Mindfuck für Erwachsene“ etwas cool wie auch eher platt beschreibt.

In seinem Frühwerk, das durchgängig Kurzfilme umfasst, gelang ihm nach Tintarella di Luna (1985) und Pulpe Almère (1987) mit Carne (1991) erste größere internationale Beachtung: Der 40minütige Kurzfilm führt ein in eine schlicht gravierend negative Aussicht: Rache und Hass einer alltäglichen Hoffnungslosigkeit, injiziert durch regelmäßig wiederkehrende gesellschaftliche Kälte und Ignoranz, erleben wir so schonungslos und misanthropisch geballt und geschärft, auf das hier später auch sein erster Spielfilm Seul contre tous (dt. Titel: Menschenfeind; 1998) in exakt dieser motivischen Ausgangslage raffiniert gründen und die Geschichte von Carne weiter führen sollte.

Wie auch bei seinem zweiten Spielfilm Irréversible von 2002 entlädt sich hier die Wucht, mit der Gaspar Noé inszeniert: Er kann gar nicht einfach nur zwecks der Provokation filmen, da nie die Provokation selbst blank und nur benützt wird, vielmehr ergibt sich die Provokation spürbar erst filmimmanent durch die geschickt gelenkte, weil zum Resultat hin strikt fordernde Inszenierung, der mutigen Schaustellung blanker Geschehnis. Dass beispielsweise kommerzielle Auswertungen fast immer eine andere Sprache im Umgang mit dem mehrschneidigen Schwert „Skandal“ verwenden, muss man hier sehr genau trennen, aber auch klar zur Disposition mit dem Filmemacher stellen.

Hätte sich Gaspar Noé jemals mit einem seiner Filme eindeutig einem Genre angeschlossen, so könnte man am Ende des jeweiligen Films sowieso nicht mehr von diesem Genre sprechen, zumindest nicht, ohne das Gefühl zu haben, dass selbiges gerade fulminant durch stetes Überborden und dekonstruktivistisch schwindelnden Taumel in sich selbst aufgerieben und neu geschrieben wurde. Stattdessen ist Noé immer schon einen Schritt weiter: Er kommt der Einordnung zuvor, scheint ein Genre „selbstredend“ überflüssig zu machen, nur noch stilistische Schnipsel bilden scharfkantig das Kalkül aus Kamera, Montage, Ton und Darstellung. Darin wirkt selbst der Genresprung schon getan, bevor Noé sich überhaupt noch auf einen einlassen würde.

Maximilian Kutzer

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Energie! in HD from lm“>Thorsten Fleisch on Vimeo.