Eigentlich ist Ryu ein ganz normales Mädchen. Die junge, zerbrechlich wirkende Japanerin schlägt sich mit Fischköpfen und Gräten durch die Redundanz des Tokioter Alltags, ist eine Einzelgängerin – fast schon etwas unscheinbar. Doch wie so oft trügt der Schein etwas und stille Wasser sind bekanntlich tief: neben ihrer Arbeit auf dem Fischmarkt verdient sich Ryu nämlich noch ein kleines Zubrot. Auf eher unorthodoxe Weise: Die junge Frau mit den zarten Gesischtszügen begeht von Zeit zu Zeit Auftragsmorde. Auch David wandelt mehr geisterhaft als bewusst durch die bedrückende Anonymität der Großstadtlichter.

In Trauer um seine Freundin, die sich vor kurzem das Leben nahm, stellt auch er seine Seele der Einsamkeit anheim. Was der spanische Weinhändler nicht weiß: Der einflussreiche Vater seiner toten Geliebten macht ihn für deren Freitod nicht nur verantwortlich, sondern möchte ihn dafür auch zur Rechenschaft ziehen: Er soll sterben. Zu diesem Zwecke wird Ryu engagiert. Doch – und wie sollte es auch anders sein – die junge Japanerin entwickelt Gefühle für ihr Opfer und auch er fühlt sich zu der geheimnisvollen Fremden hingezogen. Zwischen ihnen entflammt eine stille, leidenschaftliche Affäre, die beide den Fängen ihrer Apathie entreißt. Regisseurin Isabelle Croixet verpackt diese Liebesgeschichte in einen ungeheuer betörenden Mix aus Farben und Klängen.

Die reizvoll in Szene gesetzten Bilder lassen den Zuschauer geradezu eintauchen in die Welt Tokios. Leider verhindern sie auch ein wenig den Zugang zu den beiden Hauptcharakteren, die von Rinko Kikuchi und Sergi López liebevoll und charismatisch verkörpert werden. Aber die Hülle, die beide gegenseitig zu durchbrechen vermögen, verbleibt vor dem Zuschauer gespannt. Isabelle Croixet versucht in ihrem neuen Werk auch, ein Bild von Tokio fernab aller Stereotype und westlicher Filter zu zeigen. Dies gelingt ihr nicht in voller Gänze, zu oft reibt sich dieses Unterfangen dafür mit der eigenen Subjektivität der spanischen Goya-Gewinnerin. Es bleibt ein wunderschöner Film, der vor allem ästhetisch zu überzeugen weiß, mitunter aber die Nähe zu seinen Figuren vermissen lässt. Ein Erlebnis ist er allemal.