Agnes (Sylvana Krappatsch) ist eine beruflich wie privat erfolgreiche Frau, die nicht nur mit dem Kriminalschriftsteller Walter (Samuel Finzi) verheiratet ist, sondern selbst für ihr Leben gerne Krimis liest. Eines Morgens landet während der morgendlichen Hörspiellektüre, die die Autofahrt zur Arbeit begleitet, ein Selbstmörder vor ihr auf der Straße, der aus dem Fenster gesprungen ist.

In Lola Randls Film ist dies der Ausgangspunkt einer schleichenden, aber unaufhaltsamen Verwandlung ihrer weiblichen Hauptfigur, die sich von sich selbst und ihrer Familie entfremdet hat. Die Erzählung hält sich dabei nicht unnötig mit langweiligen Schuldzuweisungen auf – statt dessen konstatiert sie eine milde, dem Alltag geschuldete Gleichgültigkeit im binnenfamiliären Verhältnis zu Kind, Ehemann, und der neurotischen Schwester (Jule Böwe). Alles geht geregelt seinen Weg, bis die Schwester überstürzt verreist und Agnes den Schlüssel einer fremden Wohnung zum Blumen gießen hinterlässt. Weil Agnes nicht schlafen kann, geht sie eines Nachts zu später Stunde in die ihr anvertraute menschenleere Wohnung: Voller Neugierde beginnt sie, die wenigen Spuren im Leben eines fremden Paares auszukundschaften, um der eigenen inneren Leere zu entrinnen. Nach und nach kommt die Protagonistin so einer Tragödie auf die Spur, die sich vor kurzem im Leben des Paares abgespielt hat.

Agnes nimmt diesen abgeschnittenen Lebensfaden dankbar auf wie ein Fundstück und spinnt ihn weiter. Hierzu erfindet Lola Randl wunderbar leichte Szenen einer unmöglichen Begegnung. Im realen Leben würden sie so wohl niemals stattfinden, weil unsere verinnerlichten Verhaltensprimate uns selbst davon abhalten würden. Aber in Die Besucherin entsteht diese seltene Form der Vertrautheit zweier fremder Menschen, die sich keine Fragen zu ihrer jeweiligen Lebensgeschichten stellen. Dennoch kann niemand dieses Spiel ewig spielen, auch die Besucherin und ihr Hausherr nicht.

Die Besucherin wurde bei den 58. Internationalen Filmfestspielen in Berlin in der Perspektive Deutsches Kino gezeigt. Wir präsentieren Lola Randls Film in unserer monatlichen Kooperationsreihe junger deutsch(sprachig)er Film gemeinsam mit dem Weitwinkel, Kommunales Kino Singen e.V.

? Spieltermine: 21. Januar – 25. Januar