Istanbul, eine Stadt zwischen Orient und Okzident, zwischen Tradition und Moderne, zwischen religiös geprägtem Konservativismus und europäischem Neo-Liberalismus, ist die wohl schwulenfreundlichste Stadt der Türkei. Hier gibt es eine lebendige schwul-lesbische Szene, eine Niederlassung von Lambda Istanbul, der größten türkischen Vereinigung, die sich für die Rechte von Schwulen, Lesben und Transsexuellen stark macht, ein schwul-lesbisches Filmfestival (OUTIstanbul) und regelmässige GayPrides.

Die Kehrseite der Medaille: seit Jahren kämpft Lambda gegen ein Verbot des Vereins, der 2008 tatsächlich kurzzeitig geschlossen wurde; es gibt keinerlei juristischen Schutz für Angehörige der Queer-Community, was sie sehr verletzbar gegenüber Diskriminierung und Gewalt macht. Menschenrechtsverletzungen gegenüber Homo- und Transsexuellen sind an der Tagesordnung und gehen sogar in den meisten Fällen von der Polizei aus, Gerechtigkeit für die Opfer gibt es nicht.

Die Türkei ist das einzige Nato-Mitgliedsland, in dem sich das Militär immer noch auf das vom Amerikanischen Psychatrieverband herausgebene DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) II bezieht, das Homosexualität als Perversion und fortgeschrittene psychosexuelle Störung aufführte. Homosexuelle Männer, die den Militärdienst nicht ableisten möchten, müssen sich oft erniedrigenden Untersuchungen bei Militärärzten und Psychiatern unterziehen, sehen in vielen Fällen gar einer Gefängnisstrafe entgegen. Dies war auch das Schicksal Mehmet Tarhans, eines der Protagonisten des Films: der Haftbefehl gegen ihn ist nie aufgehoben worden, seine Freiheit ist permanent bedroht.

Heute ist er Sprecher von Lambda und einer der Organisatoren des Istanbuler Gay Pride. Nicht jeder ist dermaßen politisch: der junge Mustafa feiert lieber ausgiebig Parties und fühlt sich von Lambda nicht angesprochen; Mert, 40, hat nach mehreren homophoben Übergriffen genug von der nur vordergründig progressiven Metropole und plant, die Stadt zu verlassen; Güney, 28, lebt mehr schlecht als recht von seinen Einkünften als Tänzer auf Hochzeiten und als Transvestit in einem Pornokino. Bawer, 25, hingegen lügt seiner Familie seit Jahren vor, mit seiner guten Freundin Leyla eine Beziehung zu führen.
In den lose verknüpften Episoden sehen wir, wie sich die Protagonisten, jeder auf seine Weise, in einer vorwiegend schwulenfeindlichen Lebenswelt einrichten oder für ihre Rechte, ihre Freiheit und ein selbstbestimmtes Leben kämpfen. Ein wichtiger, bewegender und aufschlussreicher Film, der dennoch immer wieder Raum findet für Humor, Selbstironie und echte Lebensfreude.