Guy Maddin ist einer jener Filmemacher, dessen Werk eher in Festival-Retrospektiven oder im Museum zu sehen ist als auf der Kinoleinwand. 2007 eröffnete Maddins experimenteller Stummfilm Brand upon the Brain! die Berlinale. Der Spielort war die Deutsche Oper, der Film wurde begleitet von einem Orchester, einer Kastratenstimme und einem Ensemble von Geräuschemachern. Die grelle, mal thrashige, mal betörend poetische Bio-Fiction war von Anfang an als Live-Performance konzipiert. Die Rolle der EinsprecherIn oder der KinoerzählerIn übernahm Isabella Rosselini. Der Einsprecher ist eine Kino-Figur aus der Stummfilmzeit. Er verlas die Zwischentitel (für den nicht des Lesens mächtigen Teil des Publikums) oder er improvisierte als Erzähler zu den Bildern. Der Film ist auch eine Hommage an jene archaische Erzähl-Institution des Kinos.

Guy Maddins, von der New York Times als „antiquarischer Avantgardist“ beschrieben, setzt voll und ganz auf die visuelle Dynamik des Stummfilms. Er macht Gebrauch von Texttafeln und opernhafter Schauspielgestik, er verknüpft die Elemente des expressionistischen Horror-Films mit denen der Grand Guignol-Träumerei. Was in der tonfilmeigenen Bemühung des Erzählens (und des Erinnerns) von der Sprache verschüttet würde, bricht sich im panisch reinen, stroboskopischen Bildexzess eine Bahn ins Licht und bringt Monströses zum Vorschein.

Ein Leuchtturm auf der verlassenen Insel Black Notch wurde zum Waisenhaus umfunktioniert. Ein Mann, ein fiktiver Guy Maddin, rudert in einem kleinen Boot an den Ort zurück, an dem er zusammen mit seiner Schwester und den Eltern seine Kindheit verbracht hat. Er soll den Leuchtturm neu anstreichen und die Rückkehr der Mutter vorbereiten. Nach und nach kommen alle Erinnerungen zurück: das puritanisch tyrannische Regime der Mutter, die bizarren wissenschaftlichen Experimente des Vaters, die rebellische Schwester und die anderen Kinder, die bei ihrer Adoption seltsame Kopfverletzungen aufwiesen. Die Verwirrung der Gefühle und Begierden kennt wie auch das Spiel mit Rollen und Identitäten keinerlei Grenzen. Mit Brand upon the Brain!, der 2009 endlich mit einer Tonspur ins Kino kam, verabschieden wir uns von den Tricks of the Tale.