Semih Kaplanoglus Film schafft etwas, was nur ganz selten gelingt: Er lässt uns die Welt wieder durch Kinderaugen sehen, er gibt den Dingen jenes eigenartige Faszinosum zurück, das sie schon längst verloren zu haben schienen. Er belebt – wenn auch nur für einen Abend – einen Blick auf die Welt wieder, der nicht dem Auge entspringt, sondern dem Geiste.

Man könnte nun versucht sein, dies mit filmischen Mitteln zu erklären – den wunderschönen Landschaftsaufnahmen, den langen und ruhigen Kameraeinstellungen oder Kaplanoglus kompletten Verzicht auf Filmmusik zugunsten der Naturklänge. All das mag mit Sicherheit nicht ganz falsch sein, und doch wird es dem Film nicht gerecht: Denn Bal bannt seine ganz eigene Magie auf Zelluloid – man kann sie nicht kopieren, man kann sie nur erfahren.

Der Gewinner-Film der letzten Berlinale ist der abschließende Teil einer Trilogie, die das Leben seines Protagonisten Yusuf rückwärts erzählt. Gerade dank dieses Kunstgriffes funktioniert Bal auch als alleinstehendes Werk: Wir begleiten Yusuf in seine Kindheit und werden Zeuge davon, wie der Junge sich der Entfremdung durch die moderne Welt erwehrt. Er sucht Zuflucht in den stummen Wäldern Nord-Anatoliens oder den Unterhaltungen im Flüsterton mit seinem Vater Yakup, der einzigen Bezugsperson in seinem Leben.

Hier gelingt dem Film ein wunderschöner Brückenschlag: Er porträtiert die zwischenmenschliche Beziehung mit dem gleichen Zauber und der gleichen Wärme, wie er der Beziehung zwischen Mensch und Natur Ausdruck verleiht. Ohne viel Worte wird dem Zuschauer das gesamte Innenleben, die sanfte Seele eines kleinen Jungen ausgebreitet und einverleibt. Bal ist ein Film der kleinen Gesten und der großen Bilder, der Unmittelbarkeiten der Welt und der Allegorien des Seins.

Er ist ein Film über Liebe, Tod und das Leben. Bal ist entwaffnend anders, ungekünstelt und zeitlos. Doch vor allem ist Bal eines: ein Film, der mit Worten nicht einmal annähernd zu beschreiben ist und von dessen Poesie man sich am besten selbst bezaubern lässt.