À ma soeur! ist zuallererst – der Titel verät es – die Geschichte zweier Schwestern: Anaïs, 13, und Elena, 15 Jahre alt. Um sie herum spinnt der Film seinen Reigen aus Urlaubstagen am Meer.

Die Differenz: Elena, schön und frühreif, übt sich im Spiel der Verführung, noch ohne die Regeln genau zu kennen. Anaïs hingegen versucht frustiert und gelangweilgt, den Alltag des Lebens mit einem Übermaß an Nahrung zu bekämpfen. Zwei verschiedene Ausgangspunkte, der gleiche Versuch, die eigenen Wünsche und gesellschaftlichen Rollenbilder unter einen Hut zu bekommen.

Adoleszenz als Thematik ist so alt wie das Geschichtenerzählen selbst: Von Rotkäppchen bis zu Twilight, immer wieder wird der schmerzhafte Prozess des sich Zurechtfindens, auf sich gestellt zu sein und drauf zu warten, dass man endlich eintreten kann in die Welt der Erwachsenen – Sexualität und Norm – verbildlicht.

Der cinematographische Voyeurismus herrscht und daher ist À ma soeur! auch ein Film über Privatsphäre und Kommunikation im Mikrokosmos Familie – wer sieht’s, wen kümmert’s, wer spricht? Bisweilen nüchtern und kühl, beiläufig erzählt, dann erschreckend nah, zu nah, möchte man sagen. Daher erscheint es bisweilen, als könnte sich der Film nicht entscheiden, wo er nun eigentlich hinmöchte – und die Kritiken auch nicht. Die Rede ist – von Feminismus über Poesie bis hin zu Körperpolitik – weitläufig, die Meinungen springen zwischen Pornographie-Vorwurf – und man frage sich, was daran ein Vorwurf sei – und der Ikonisierung von Catherine Breillat als Künstlerin eines »poetischen Materialismus«.

Der Film selbst entscheidet sich am Ende und – für einen kurzen Moment – ist alles klar, auf unangenehmste Weise: Dass dieser Einbruch – im doppelten Sinne – der filmischen Realität die Zuschauer in den Sitzen zurücklässt, die sich nicht sicher sind, ob sie schockiert sein wollen, gerührt oder sich doch lieber einfach nicht angesprochen fühlen. Dies ist genau das, worum es in der Pubertät geht: Nicht einig sein, das jedoch mit voller Konsequenz.

»À ma soeur!« zeigen wir in Kooperation mit dem Theater Konstanz zu den Stücken »Antigone/Schwester von« inszeniert von Leyla-Claire Rabih. Mit »Schwester von« hat die niederländische Autorin Lot Vekemans 2007 ein Gegenstück zur Tragödie von Sophokles geschrieben, das den Fall der Familie aus der Sicht der jüngeren und weniger bewunderten Schwester Ismene aufrollt.