Zwölf Stühle

Spätestens seit der Aufführung von Madame X – eine absolute Herrscherin, weiß der geneigte Zebra-Kinogänger, dass man sich von liebgewonnenen Sehgewohnheiten besser trennen sollte, schaut man sich ein Werk, der in Konstanz geborenen Filmemacherin an.

Mit den üblichen Kriterien des modernen Kinos sind ihre Filme kaum zu fassen: In 12 Stühle vermischt sie Gegenwart und Vergangenheit, russische und deutsche Sprache, sowie die Mittel von Dokumentation, Fiktion und Pikareske. Der Zuschauer braucht Zeit, um sich langsam an ihre Visualität zu gewöhnen. Dabei ist 12 Stühle zuerst einmal eine Romanverfilmung. Die bekanntlich mehrfach verfilmte Vorlage stammt von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow, zwei Autoren aus Odessa, die in ihrem 1928 veröffentlichten Schelmenroman – seit 1997 in Moskau unzensiert erhältlich – den Aufbau des real existierenden sowjetischen Alltags satirisch beschrieben.

Die Protagonisten begeben sich auf eine Odyssee durch das nachrevolutionäre Russland. Sie jagen, von Gier getrieben, einem Juwelenschatz hinterher, der in einem von zwölf enteigneten Salonstühlen versteckt ist.

Für die Inszenierung hat sich, die in Berlin lebende Regisseurin, in das Europa jenseits des Kapitalismus aufgemacht. Gedreht wurde in Landstrichen zwischen Wroclaw und Warna, zwischen Schwarzmeerküste und Bosporus, zu Wasser und zu Lande, in Dörfern und Metropolen. Die rasante Geschichte ist eingeflochten in einen dichten Teppich von Personen und Orten, die zugleich von gestern und heute erzählen. Die Orte sind nicht nur Bühne, sondern Mitspieler im Film. Sie und die Menschen, die sie im Alltag bevölkern, agieren als Komplizen oder Gegner der Protagonisten auf deren Jagd nach materiellem Glück.

Wunderbar opulente und wundersam groteske Bilder führen dem Zuschauer die Dramatik des Vergessens vor Augen und schärfen den Blick für das ungeschminkt Schöne. Ein episodisches Roadmovie durch die russischen Staaten, aberwitzig und einfallsreich, voller Details und ausgefeilter Bildkompositionen.

➔ Wie zeigen den Film in Kooperation mit der Projektgruppe Fotografie am Bodensee. Aufgrund der Überlänge wird es mindestens eine Pause geben!