Globalisierung einmal anders? Wenn wir die Zeitung aufschlagen und unseren Blick über den Wirtschaftsteil schweifen lassen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, über Artikel zu stolpern, die eine zunehmende Verflechtung vormals (scheinbar) national eingehegter Volkswirtschaften als entscheidende Ursache heimischer Miseren identifizieren. Selten nur werden aber derartige Debatten im Bezug auf ein äußerst traditionsreiches Gewerbe unserer Geschichte, den Verkauf körperlicher Dienstleistungen geführt.
Ausgewogen, ohne überzogene Romantisierung oder hyperrealistische Dramatisierung darzustellen, dass die Prostitution von einer Zunahme migrantischer Bewegungen erfasst wird, ist ein großes Verdienst von Fernando León de Aranoas „Princesas“. Während hierzulande die Wogen der Entrüstung hoch schlagen wegen Flatrates in Bordellen und xenophobe Mutmaßungen über die gewiss illegale, fremdländische Herkunft der Damen (weniger: Herren) die Schlagzeilen bestimmen, bleibt eine ernsthafte und unaufgeregte Auseinandersetzung zumeist auf der Strecke. Vielleicht ist es zum Teil auch dem langjährigen Vakuum der spanischen Gesetzgebung zur Sexarbeit geschuldet, dass „Princesas“ die Internationalisierung der Prostitution leichtfüßig – aber nicht leichtfertig –, schonungslos und einfühlsam zugleich analysiert.
Den größten Anteil daran tragen aber die spezifischen Möglichkeiten eines narrativen und fiktionalen Zugriffs auf das Thema. So können dem Alltag und dessen Nöten einfacher und dramatisch pointiert konkrete Gesichter verliehen werden, die jenseits gängiger Stereotypen liegen.
Im Zentrum von Princesas stehen Caye, eine junge spanische Hure mit kleinbürgerlichem Familienhintergrund, und ihre Nachbarin Zulema aus der Dominikanischen Republik, die aufgrund wirtschaftlicher Nöte ihre Heimat verlassen hat, um sich eine neue Existenz aufzubauen und deshalb anschafft. Ausgelöst von einem brutalen Freier Zules kommen sich die beiden Konkurrentinnen langsam näher und stellen bald fest, dass die gegenseitig gehegten Vorurteile kaum Realitätsgehalt aufweisen, sondern man im Gegenteil voneinander lernen kann.
Durch präzise Dialoge, einer großen Aufmerksamkeit für Details und die wiederkehrende Zentrierung der Erzählung auf einen Schönheitssalon im Madrider Viertel Entrevías, der als Treffpunkt und Rückzugsort der einheimischen Prostituierten fungiert, gelingt es Aranoa, dem Geschehen eine mitreißende Dichte zu verleihen,
aber auch der Gefahr eines androzentrischen Blicks auf die weiblichen Charaktere zu entgehen, die würdevoll und mit viel Liebe portraitiert werden.