Lola tanzt. Im glitzernden Kostüm lässt sie zu orientalischen Klängen ihren Bauch kreisen, umrahmt von ihren beiden Kolleginnen, mit denen sie ein Trio mit dem hübschen Namen »Die Gastarbeiterinnen« bildet. Unter den Zuschauern ist auch Lolas (Gandi Mukli) Freund Bilidikid (Erdal Yıldız), den schon sein Äußeres inmitten der bunten Gestalten wie einen Fremdkörper wirken lässt und der mit unbewegter Miene am Tresen lehnt, als ginge ihn das ausgelassene Treiben um ihn herum nicht das Geringste an.
Männer sind eigentlich auch Lola und ihre beiden Mittänzerinnen, Lola ist heimlicher Star eines türkischen Travestietrios. Die Tanzbar, in der sie auftritt, der nachtdunkle Tiergarten, der Berliner Treffpunkt für Homosexuelle, dieses Umfeld erkundet der Zuschauer aus der Perspektive des jungen Deutschtürken Murat (Baki Davrak), der die fragwürdige Geborgenheit und die nicht nur räumliche Enge der familiären Mietwohnung verlässt, um eine ebenso aufregende wie abgründige Welt zu entdecken – und nicht zuletzt sich selbst. Seine Homosexualität wird in seinem Familienkreis frontal abgelehnt und eines Tages begegnet er Lola, seinem verstoßenen
und von der Familie verheimlichten älteren Bruder und kommt damit einem finsteren Familiengeheimnis auf die Spur.
In seinem dritten Spielfilm zeichnet der in London lebende gebürtige Türke Kutlug Ataman das Porträt einer Gruppe von Außenseitern, die als Emigranten der zweiten Generation und als Homosexuelle in einem doppelten Exil leben. Er nähert sich gefühlvoll den Figuren dieser extravaganten Szene und erstellt mit verschiedenen parallelen Handlungen ein breit angelegtes Porträt einer Subkultur, das in keinem Moment auf Oberflächlichkeiten oder Klischees zurückgreift. Zugleich will der Regisseur und Drehbuchautor auch die allgemeinere Geschichte einer Identitätsfindung erzählen, von Aufbruch und Zerstörung, vom Tod und am Ende einer Wiedergeburt. Seinen Reiz bezieht der Film aus beidem: der psychologischen Ebene mit den inneren Konflikten seiner Figuren und der detailgenauen Abbildung ihres Lebensumfelds.
