Eine Frau kauft sich einen kandierten Apfel am belebten Times Square und schlendert umher. Schließlich beschließt sie, die Bombe in ihrem Rucksack an einer Fußgängerampel zu zünden …

Die Regisseurin Julia Loktev wagt sich in ihrem ersten Spielfilm ‚ Day Night Day Night an ein Sujet, dem unsere Gesellschaft ratlos und ängstlich gegenüber steht. Die Protagonistin Loktevs ist Selbstmordattentäterin, die kurz vor der Vollendung ihrer Mission steht. Die unscheinbare Frau wird von Komplizen in einem Motel in New York untergebracht und umsorgt.

Akribisch hält die Kamera das weitere Geschehen der zwei Tage fest, die die junge Frau dort zubringt. Wir beobachten sie beim Baden und peniblen Waschen, beim Essen und beim geflüsterten Gebet. Dadurch entsteht Nähe und trotzdem bleibt eine unüberwindbare Distanz. Wir erhalten einen intimen Einblick in ihre Privatsphäre, sehen ihr beim Schlafen zu, und erfahren trotzdem nichts über sie und ihre Beweggründe.

Fest steht dagegen, dass sie so sterben will, für‚ „ihn‘‘. Sie hat das ‚Warum‘ bereits geklärt, es bleibt nur noch das ‚Wie‘. Wie kleidet man sich als Selbstmordattentäter? Rosa oder blaue Jacke? Und wie dreht man ein Bekenner-Video? Sitzt die Militärjacke gut? Glänzt die Nase? Die Normalität und Routine, mit der dies ausgeführt wird, entsetzt. Auch der Glaube der Akteure an die Selbstverständlichkeit ihrer Tat, hinterlässt ein beklemmendes Gefühl. Julia Loktev zeigt hier auf sehr eindringliche Weise die Vorbereitung und Ausübung eines Selbstmordanschlags, ohne den Anspruch auf Erklärung zu erheben.

Weiter liefert sie dem Zuschauer keine Wertung der Tat, sondern eine auf das Wesentliche reduzierte Geschichte fern ab von Stereotypen und Belehrungen. Auch filmtechnisch reduziert Loktev, denn ihre Figuren sprechen nur wenig miteinander. Die Kommunikation zwischen Zuschauer und filmischen Geschehen basiert auf dem intimen Blick der Kamera und vor allem auf Luisa Williams, die den Zuschauer durch ihre schauspielerische Leistung bis zum Schluss in Atem hält. Ihr bleiches Gesicht mit den großen Augen verrät uns, was niemand ausspricht: Überzeugung, aber auch Angst.