CINÉMAGNIFIQUE: Kooperation mit der der
Deutsch-Französichen Vereinigung
F 2003; 117 min., OmU; Regie: Abdellatif Kechiche; mit: Osman
Elkharraz, Sara Forestier, Sabrina Ouazani, Nanou
Benahmou u. a.; FSK: ab 12
Nachdem schon Kechiches preisgekrönter Debütfilm
La faute à Voltaire vor einigen Jahren in unserem
Saal zu sehen war, setzen wir diese kleine
Tradition mit seinem zweiten Werk L’esquive fort.
In ihm wird ein zentrales, ständig virulentes und
immer noch ungelöstes Problem Frankreichs thematisiert:
Das Leben von Immigrantenkindern in
der banlieue und die Schwierigkeiten ihrer Integration
in die französische Gesellschaft. Dabei wählt
der Regisseur jedoch weniger einen konfrontativen
Ansatz, wie man ihn beispielsweise aus
Mathieu Kassovitz’ La Haine, sondern ein intellektuelles
Setting, das dadurch vielleicht eher
das französische Bürgertum und damit ein größeres
Publikum erreicht und so ebenfalls gängige
Klischees dieser Schichten hinsichtlich der
Vorstädte und ihrer Bewohner klug unterläuft.
Im Mittelpunkt des Films steht eine Schulaufführung
von Marivaux’ Komödie Le jeu de l’amour
et du hasard (1730), in der Lydia (Sara Forestier)
die Hauptrolle übernimmt und Krimo (Osman
Elkharraz) trotz aller Coolness gegenüber seiner
Clique und geringem schauspielerischen Talent
alles daran setzt, den männlichen Part zu übernehmen,
um ständig an Lydias Seite zu sein. Der
inszenatorische Kniff des Plots ist die Parallelisierung
zweier Geschichten, die ihr kritisches
Potential über spezifische Sprachformen transportieren,
die die Akteure sich aneignen und in
diesem
Prozess transformiert werden wie auch
selbst transformierend auf die Idiome einwirken
bzw. die Grenzen ihrer sprachlichen Fähigkeiten
erreichen, auf ihren Körper und damit Gewalt als
letztes Ausdrucksmittel zurückgeworfen werden.
Dabei entfaltet der Film seine eigenwillige
Kraft sowohl durch den bewundernswerten Einsatz
eines Ensembles, das mehrheitlich aus
Laienschauspielern besteht als auch die einfühlende
mise en scène von Kechiche. Elisabeth von
Thadden betont in der Zeit zutreffend: „L’esquive
geht, wie von Zauberhand geleitet, an jedem
Klischee einfach vorbei. Hier wird kein pädagogisches
Scheitern beklagt, kein Klassiker für die
Gegenwart weichgespült, hier wird kein Wunder
der interkulturellen Verständigung zelebriert und
auch nicht die rettende Kraft der Kunst, hier wird
keine soziale Tragödie beweint, hier bleibt auch die
Liebe, was sie ist: ein unbegreiflicher Schlamassel.“
Der Film wurde 2005 mit vier Césars ausgezeichnet.