Léolo

„Ich träume, also bin ich nicht verrückt“ vergewissert
sich der vierzehnjährige Leo Lozeau seiner
selbst. Die Vergewisserung ist aber auch ein
Wegwünschen, weg aus dem Armenviertel, vor
allem weg von seiner mit Wahnsinn geschlagenen
Familie. Da ist der tumbe Stahlarbeiter,
der sein Vater sein soll, seine Mutter, die so
groß ist wie ein Schiff, der Muskelberg, der sein
großer, aber feiger Bruder ist, die Schwestern,
die in der Klapse landen und sein Großvater, der
die schöne Bianca für sexuelle Gefälligkeiten bezahlt.
Bianca ist aber Leos erste große Liebe,
was aus ihm und dem Großvater Todfeinde
macht.

Um nicht so „Dasein“ zu müssen, erträumt
sich Leo seine eigene Geschichte. In dieser ist
er Léolo Lozone, dessen Mutter auf dem Markt,
als sie in einen Gemüsestand purzelte, von einer
Tomate befruchtet wurde, auf die ein sizilianischer
Bauer onaniert hatte, bevor sie nach
Montreal verschifft wurde. Léolos aberwitzige
Unternehmungen sind eigentlich nur Überlebensstrategien,
mit denen er dem Wahnsinn zu entkommen
versucht. Er schöpft einen ganz eigenen
Weltenplan, dessen haarsträubende
Umsetzungen aber von einer von vornherein
bizarren und skurrilen Welt mit Leichtigkeit absorbiert
werden.

Die Kritik feierte den Film seiner Zeit als „poetisches,
verrücktes und bizarres Filmfeuerwerk“.
Das ist nicht übertrieben, klingt aber, als ob es
sich „nur“ um eine leichte Komödie handeln würde.
Das ist nur eingeschränkt der Fall. Schelmische
Erzählung, philosophische Reflexion und
sinnliche Anarchie in Léolos Off-Kommentar
steuern unaufhaltsam zu auf ein böses Erwachen.

Der Film ist ein mitreißender Erinnerungsstrom,
ein expressiver Bilderrausch voller ausgefallener
Ideen, voller Musik (Tom Waits, Rolling
Stones, tibetanische Mönchsgesänge, italienische
Schnulzen) und einem überwältigend schönen,
morbiden Set-Design. Filmwelten wie diese
waren bisher – wenn überhaupt – höchstens von
Jean-Pierre Jeunet, Peter Greenaway oder Terry
Gilliam zu sehen.