„Dreckspolakin, Dreckspolakin!“ So lautet die
tägliche
Begrüßung der 8-jährigen Sophie. Dank
des Beistands des gleichaltrigen Julien trotzt
sie den Hänseleien. Als Aufmunterung schenkt
er ihr eine farbenfrohe Spieldose mit einem Karussell,
die er jedoch ab und an zurück haben
möchte.
Aber so ganz ohne Gegenleistung überlässt
Sophie dem Jungen das Spielzeug nicht:
Julien soll die Bremse des fahrerlosen Busses
lösen.
Mit dieser Mutprobe fängt alles an. Sie läutet
damit nicht nur eine lebenslange Freundschaft
ein, sondern vor allem auch eine gegenseitige
Tyrannei.
Beide haben ein Abkommen geschlossen:
Wer immer das Blechspielzeug in seinem
Besitz hat, darf vom anderen verlangen, was er
will. Während Sophie im Kindesalter mit einem
trällernden „La vie en rose“ die Beerdigung von
Juliens
Mutter zur Farce macht, wird das Spiel
im Erwachsenenalter immer rücksichtsloser. Die
Sinnlosigkeit des Spiels hinterlässt Spuren im
Seelenleben der beiden: sich gegenseitig die Liebe
zu gestehen, ist eigentlich unmöglich, würde
man doch niemals der Inszenierung
des anderen
unterliegen wollen. So wird die Spieldose zu
einem Wanderwerkzeug
eines waghalsigen
Wettspiels. Es gilt, immer die eigene Unberührbarkeit
zu wahren und nie Schwäche
zu zeigen.
Die schräge Romantikkomödie nimmt als
märchenhaftes Spiel ihren Anfang und endet als
desillusionierendes Drama. Irgendwo zwischen
Schock und Faszination hintergeht die Handlung
die moralischen Grenzen, um diese selbstzerstörerische
Amour Fou offenzulegen. Gleichzeitig
kommt der Film aufgrund der comichaften Traumsequenzen
und den überraschenden
Wendungen
oft skurril daher. Das rasante Erzähltempo, der
phantasmatische Blick der Protagonisten
auf ihre
Umgebung und der knallbunte Kulissenhimmel
erinnern unweigerlich an Amélies wundersame
Welt. Die bunte Formenwelt
wird jedoch schnell
subvertiert durch die bis zuletzt zynische Geschichte.
So entsteht der verblüffende Kontrast
zwischen Ästhetik und Inhalt, der den Film auszeichnet.
Frankreich/Belgien 2003; 93 min.; omu; Regie: Yann Samuell;
mit: Guillaume Canet, Marion Cotillard, Thibault Verhaeghe,
Joséphine Lebas -Joly, Emmanuelle Grönvold, Gérard
Watkins, Gilles Lellouche ; FSK: ab 16