Pans Labyrinth

Das Fantastische wird in der Literaturwissenschaft als der Einbruch einer zweiten Welt in die Wirklichkeit beschrieben, und unter diesem Gesichtpunkt bietet Pans Labyrinth das Fantastische in Reinform: Denn Guillermo del Toros Film vermischt bildgewaltig zwei Welten und lässt sie sich gegenseitig wie zwei Seiten eines Zerrspiegels kommentieren. So trifft das Szenario des spanischen Bürgerkriegs mit einer düsteren Märchenwelt zusammen und vermengt sich zu einem phantasievollen Bildnis, das von märchenhafter Poesie lebt und zugleich eine eindrucksvolle Anklage der Gräuel des Krieges und des Faschismus ist.
Die phantasievolle junge Ofelia gelangt mit ihrer Mutter in ein spanisches Bergdorf, wo ihr neuer Stiefvater, eine blanke Verkörperung des prototypischen Faschisten, einen grausamen Feldzug gegen die Widerstandskämpfer führt. Von einer Fee geleitet entrinnt Ofelia in einen märchenhaften Wald, wo ihr ein Faunenwesen offenbart, sie sei die Tochter eines alten Königs und könne erst dann in dessen Reich zurückkehren, wenn sie drei Prüfungen bestehe. Doch während das Mädchen den wunderlichen Aufgaben nachgeht, spitzt sich die Kriegssituation zu und Ofelia droht das Schicksal, von den Bedrängnissen des Märchenreiches und der höchst realen Kriegsgeschehen eingezwängt zu werden.
Pans Labyrinth serviert dem Zuschauer ein Tablett an Märchenwundern, Schauergestalten und Kriegsgräuel, lässt ihn aber selbst seinen Weg durch den farbenprächtigen und eindrucksvollen filmischen Irrgarten finden: Der Film gewinnt seinen Reiz, gerade weil er die Fragen dem Zuschauer überlässt und beispielsweise bis zur bittersüßen Schlusspointe nicht beantwortet, ob das Märchenland nun lediglich eine eskapistische Phantasie des Mädchens ist, das mit Hilfe ihrer Einbildungskraft aus einer grausamen Wirklichkeit ausbrechen möchte, oder ob die Feengestalten sich tatsächlich gleich neben den Betten der Protagonisten tummeln.
Die mächtigste Karte, die der Film ausspielt, ist zweifellos die liebevoll und detailreich gezeichnete Märchenlandschaft, doch die heimliche Stärke von Pans Labyrinth ist die verdoppelnde Spiegelstruktur der Motive: Jedes Bild der „realen Welt“ findet bis in die Details ein Gegenstück im Märchenreich. So sind die drei Märchenaufgaben ein Pendant zur sadistischen Prüfung des Faschisten, der einen Stotterer unter Lebensgefahr bis drei zählen lässt, und so ist der bedeutungsschwangere Test des Fauns ein Abbild der faschistischen Gehorsams-Ideologie.
Pans Labyrinth ist ein audiovisuell beeindruckendes, strukturelles Meisterwerk, das in unvergesslich verspielter Manier eine brutale Wirklichkeit anprangert. Zu recht wurde der Film mit drei Oscars prämiert.