„Fräulein, zahlen (bitte)!“ Vor einigen Jahren gebot die political corectness, dass die Floskel aus dem deutschen Sprachgebrauch verbannt werden sollte.

In der Schweiz oder genauer in Zürich, wo der Film spielt, ist die Wendung nach wie vor geläufig. In Ruzas (Mirjana Karanovic) Kantine arbeitet seit vielen Jahren Mila (Ljubica Lovic) und seit kurzer Zeit die halb so alte Ana (Maria Skaricic) als Bedienung.
Max Frisch formulierte anfangs der 70er Jahre (sinngemäß), dass Westeuropa nach ‚Arbeitskräften gerufen habe und Menschen gekommen’ seien. Ruza, die Serbin, und Mila, die Kroatin, folgten damals diesem Ruf. Beide stammen aus einem von Tito geprägten Jugoslawien, in dem es, wie Ruza sagt, „uns eigentlich nicht schlecht ging“. Dennoch verließen beide, wie viele andere, aus wirtschaftlichen Gründen ihre Heimat. Ana hingegen wurde nicht gerufen, sie stammt aus dem kriegsgebeutelten Sarajewo. Gerufen wird sie nur als ‚Fräulein’, in Ruzas Kantine.

Regisseurin und Autorin Andrea Staka ist selbst in der Schweiz aufgewachsen. Ihre Familie stammt ursprünglich aus Bosnien und Kroatien und sie kennt selbst die beiden Welten, zwischen denen die Frauen aus ihrem Migrationsdrama stehen. Das politische Gebilde Jugoslawien gibt es schon lange nicht mehr, dennoch fühlen sich die drei Frauen kulturell verbunden und wenn es auch nur die Verbundenheit der hoffnungslos Träumenden ist.

Die Geschichte von Ruza und Ana behält sich für jede der Frauen eine tragische Seite vor, erzählt jedoch gleichzeitig auf wunderbare Art die Geschichte einer vorsichtig aufkeimenden und meist nur angedeuteten Freundschaft, die aus den ‚unsichtbaren Figuren des Alltags’ etwas besonderes macht. Im Endeffekt ist Das Fräulein sehr persönlich und intim geraten. Doch gerade das war Grund genug für die Jury der Filmfestspiele von Locarno den Film mit dem Hauptpreis, dem Goldenen Leoparden 2006, auszuzeichnen.

Epilog: Die Verbannung einer Floskel aus politischer Korrektheit ist ein Ding. Die Darstellung von unsichtbaren Machtverhältnissen und ihre sensiblen Implikationen sind ein anderes. Zebra- und Weitwinkel-Kino freuen sich ganz besonders, im April nach Verflixt, verliebt eine weitere Produktion aus unserem Nachbarland auf unsere Leinwände zu bringen.