Marseille

Ein Gespräch deutet an, dass zwei junge Frauen für 14 Tage ihre Wohnungen tauschen. Sophie (Maren Eggert), Fotografin aus Berlin, bleibt in Marseille. Die andere Frau wird nie in Berlin ankommen. Was mit ihr geschieht, werden wir nicht erfahren. Der Film bleibt ganz und gar bei der Fotografin. Der Film bemüht sich gar nicht erst um Parallelelisierungen, sondern begleitet eine junge Frau in der Kontingenz von Ereignissen auf der Sache nach irgend etwas. Wie bereits in ihren vorherigen Filmen geht es bei Schanelec um den Takt des Daseins, um die Möglichkeit und Notwendigkeit zu existieren. Die einzige Frage ist, wie ein solcher thematischer Zugang adäquat in Bilder überführt werden kann. Diesbezüglich gehört Marseille zum reflektiertesten, was das junge deutsche Kino zu bieten hat.
Sophie ist Fotografin. Fotografisch präzise wird sie von der Kamera in den Erfahrungsraum Stadt gestellt. Es entstehen filmische Räume, die vollkommen auf Distanz angelegt sind, die weder von der Protagonistin so wahrgenommen werden können noch vom Betrachter. Der Film vermittelt das Gefühl von Wiedererkennen und sich dennoch fremd fühlen.

Mit ihren Filmfiguren verfährt Schanelec ähnlich. Sie haben keine psychologische Tiefe, keine Geschichte, geschweige denn ein Geheimnis. Pierre, der Automechaniker leiht ihr sein Auto für einen Ausflug. Das war’s. Dann plötzlich: ein kleiner (aber meisterhafter) Schnitt und die junge Frau ist wieder in Berlin. Das Bild wird zum ersten Mal hell. Beiläufigkeit ist wesentlich geworden, Zeit nur mehr eine Schnittfolge. In der ‚Dreiecksbeziehung’ zwischen Sophie, ihrer Freundin Hanna und deren Freund liegt Elektrizität in der Luft. Unerfülltheit und Sehnsucht treiben Sophie wieder weg, zurück nach Marseille. Dort wird sie, weiterhin auf der Suche nach irgendwas, in ein merkwürdiges Verbrechen verstrickt.
Angela Schanelec versteht es meisterhaft, den Bildern ihre Selbstverständlichkeit zu nehmen und ihnen eine andere zu geben. Marseille ist der 19. Film in der gemeinsamen Reihe zum Jungen Deutschsprachigen Film von Weitwinkel (Singen) und Zebra-Kino.

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