Letztes Jahr zeigten wir im Rahmen des Que(e)rgestreift die Dokumentation Ich kenn keinen – Allein unter Heteros über Schwule in der (deutschen) Provinz von Jochen Hick; dieses Jahr steht Veronika Minders Filmdebüt Katzenball über Lesben in der Schweiz auf dem Programm. Ihr Film ist eine Chronik des Umgangs der Schweizer Gesellschaft im 20. Jahrhundert mit Homosexualität. In den Interviews erzählen ihre fünf Chronistinnen – Johanna Berends ist mit 94 Jahren die Älteste, Samira Zingaro mit 25 Jahren die Jüngste von ihnen – erstaunlich freimütig von ihren coming outs, ihrem Selbstbewusstsein als Lesben, politischer Aktivität und Erfahrungen mit Homophobie, die immer noch herrscht in der Schweizer Gesellschaft.
Zwischen die Interviews sind Zeitdokumente über Homosexualität, Feminismus und Emanzipation montiert, beispielsweise TV-Berichte und Ausschnitte aus dem bekannten Kurzfilm Bar jeder Frau. Die politische Aktivistin Heidi Oberli war Gast in der umstrittenen Sendung über Homosexualität und stellt fest, dass noch nicht viel erreicht worden sei: sie selbst sieht sich immer noch als Teil einer diskriminierten Randgruppe. Mit der Auswahl der Protagonistinnen ist Minder ein wahrer Glücksgriff gelungen. Vor allem dank der Fotografin Liva Tresch und ihrer politisch inkorrekten Art ist der Film unterhaltsam, geistreich, lustig, stimmt aber auch nachdenklich.
Nun, Katzenball wird bestimmt keine unter Homophobie leidenden Hinterwäldler kurieren, ist aber mit Sicherheit einer der unterhaltsamsten und auch bewegendsten Dokumentarfilme der letzten Zeit.
Dokumentation; Schweiz 2005; 87 Min.
Regie: Veronika Minder; mit: Johanna Berends, Heidi Oberli, Ursula Rodel, Liva Tresch, Samira Zingaro, Ernst Ostertag, Robert Rapp, Alice Oberli, Käthi Keller, Annette Uehlinger, Manuela Wegmüller, Judith Welter
FSK: o.A.