Ein-Personen-Stücke gehören zum Intensivsten, was die Kino- und Theater-Landschaft zu bieten hat: Schließlich erfordert allein schon die Konstellation, dass der Protagonist sein eigener Gegenspieler wird. Oliver Hirschbiegels wortstarkes Kammerstück Ein ganz gewöhnlicher Jude fesselt gerade in dieser Hinsicht durch seinen intelligenten und eloquenten Aufbau. Der Sympathie- und Antipathieträger Emanuel Goldfarb (Ben Becker) unterläuft seine eigene Rede, attackiert selbstgezimmerte Feindbilder und greift mit seiner Kritik letztendlich sich selbst an. Von Anfang an bekundet er sein Scheitern vor einer übergroßen Frage, denn der wortgewandte Goldfarb tritt hier im Grunde gegen sein eigenes Denken an, gegen sein eigenes Wort.

Was bedeutet es, ein Jude im heutigen Deutschland zu sein? Der jüdisch-deutsche Journalist Goldfarb wird eingeladen, diese scheinbar harmlose Fragestellung vor einer Schulklasse darzulegen. Goldfarb reagiert unerwartet erbost und weigert sich; er flüchtet sich in seine Wohnung und formuliert dort eine Absage: Es sei (ihm) unmöglich, diesen Umstand auszudrücken – doch genau indem er diese Unmöglichkeit artikuliert, vermittelt er dem Zuschauer letztlich die Essenz des Themas. Als Goldfarbs scheinbar theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema Judentum eine persönliche Tiefe anstößt und nach und nach zur Lebensbeichte des Intellektuellen wird, spülen seine Worte ein unwillkommenes Bekenntnis hervor…

Ein ganz gewöhnlicher Jude wirkt primär über sein überscharf pointiertes Wortgefecht, vernachlässigt trotz des eingeschränkten Spielraums eines Kammerspiels die Bildsymbolik erfreulicherweise nicht. Die Wohnungswelt wird zum dinglichen Repräsentanten der Rede und – ganz im Sinne der antiken Rhetorik – zum sprachlich-körperhaften Erinnerungs-Ort der Argumentation.

Einem Thema, über das nahezu alles schon gesagt schien, gewinnt Hirschbiegels Film mit Scharfsinn neue Einsichten ab – zum Beispiel die Erkenntnis, warum eine einfache und notwendige Frage schon ausgrenzen kann und ihre Antwort verhindert. Ein ganz gewöhnlicher Jude zählt zweifellos zu den sprachgewaltigsten und scharfgeschliffensten Filmen der letzten Jahre und ist mit Sicherheit kein ganz gewöhnlicher Film.