Spätestens seit Don Siegels Invasion of the Bodysnatchers (Die Dämonischen, 1948) ist der kalte Krieg ein Thema auch im amerikanischen Film. Die Bodysnatchers waren bei Siegel noch Aliens, die aus den Menschen entseelte, botanische Klone ihrer selbst machten. Was bei Siegel noch ein Alien-Kollektiv war, wurde in der Folge mit immer schärferen Konturen die UdSSR.

Das innenpolitische Programm des ‘Kommunistenfressers’ McCarthy beschwor die Angst seiner Landsleute vor einer feindlichen Übernahme aus dem Inneren und der ‘roten Flut’, einer Invasion durch die sowjetische Supermacht. Die Folge war ein Klima der Angst, insbesondere der Angst vor Diffamierung und damit verbunden vor Berufsverbot, ein Radikalschlag gegen alles ‘Linke’ und ‘Liberale’ in den Vereinigten Staaten. Arthur Miller beschrieb diesen Zustand als Hexenjagd.

1963 als Stanley Kubrick Dr. Strangelove fertigstellt, ist McCarthy selbst nur noch Geschichte. Doch die ‘Traumatisierung’ der US-Bürger sollte noch lange vorhalten (und wurde durch die Kuba-Krise noch einmal verschärft). Zwei Supermächte, beide mit dem Potential die gesamte Erde gleich mehrfach in die Luft sprengen zu können, stehen einander voller Misstrauen und im Kampf um die Frage nach dem besseren System – aus heutiger Sicht in nahezu absurder – Eitelkeit gegenüber.

Hier endet die Geschichte und die Leinwand-Geschichte beginnt. Der kriegstechnische Apparat ist so hochgezüchtet und auf binäre Intelligenz getrimmt, dass Verfahrensabläufe im Ernstfall automatisch durchgeführt werden. Die Möglichkeiten des menschlichen Eingreifens (zum Beispiel im Fall eines technischen Fehlers oder eines menschlichen Versagens) sind dabei nur noch gering. Der Film beginnt genau mit einem solchen saublöden Fehler. Die amerikanischen Überwachungsysteme zeigen an, dass eine amerikanische Stadt von einem atomaren Sprengsatz vernichtet wurde. Die Ärmel hochgekrempelt wird der Gegenschlag initiiert. Doch, zu dumm, die Meldung erweist sich als falsch und die B-52 ist bereits unterwegs. Um die Crew vor feindlicher Infiltrierung zu schützen, wurde ihr eingeschärft, das Funkgerät abschalten. Dem Präsidenten bleibt nun nichts anderes mehr übrig, als seinen ‚Kollegen’ im Kreml anzurufen und ihm von dem Missverständnis zu berichten. Das sowjetische Abwehrsystem ist, stellt sich heraus, so programmiert, dass bei einem Angriff automatisch der Gegenschlag nicht nur als Reaktion, sondern als Kettenreaktion erfolgt. Die logische Konsequenz ist, dass der flächendeckende Gegenschlag mit einem ebenso flächendeckenden Gegenschlag beantwortet werden muss. Was nun folgt ist eine der bösesten Satiren der Filmgeschichte und eine wunderbare Parodie auf das filmische Mittel der parallel-montierten last-minute-rescue.

Seit David Wark Griffiths (The Fatal Hour, 1908; The Lonedale Operator, 1911) hat sich eine spezielle Form der Parallelmontage etabliert und bis heute gehalten, in der ein Held oder eine Gruppe, die den Helden begleitet, in letzter Minute die zumeist blonde Belohnung aus einer lebensbedrohlichen Situation errettet und dabei den bösen Widersacher unschädlich macht. Die Parallelmontage verfährt dabei so, dass der Weg des Helden, der noch diverse Schwierigkeiten überwinden muss und die lebensbedrohliche Situation der Belohnung, die währenddessen der Held gegen die Widrigkeiten ankämpft, an Lebensbedrohlichkeit zunimmt, abwechselnd gezeigt werden. Die Dauer der Szenen wird dabei immer kürzer und es findet eine räumliche Annäherung statt, bis sich dann Held, böser Gegenspieler und zu rettende Frau zur selben Zeit am selben Ort befinden und im show-down entschieden wird, wer der bessere Kerl ist. Diese last-minute-rescue (Rettung in letzter Minute) genannte, narrative Strategie (durch den Schnitt ) ist aller Ehren wert, doch 1963 eigentlich nur noch ein Muster zur Konfektionierung eines publikumswirksamen Streifens. Stanley Kubricks Dr. Strangelove setzt gegen diese filmische Konvention einen Kontrapunkt. Die Crew der B-52 hat auf ihrem Flug gegen die UdSSR mit allerlei Widrigkeiten zu kämpfen, die sie (auch musikalisch) getragen vom amerikanischen Pioniergeist alle Schwierigkeiten bis zur Selbstaufopferung überstehen lässt. Das gute Ende unserer Helden ist in dem Fall allerdings nicht eine blonde Belohnung, sondern die zufriedenstellende, wenngleich auch weltzerstörerische Erledigung ihres Auftrags. Die ‘Aufgabe’ der last-minute-rescue verkehrt sich in eine last-minute-destruction in Rodeo-Manier. Was folgt ist der geniale Auftritt von Peter Sellers, einer Art Colonel Kurtz (aus Heart of Darkness hier als Dr. Strangelove), der aus lauter Begeisterung über seinen Vortrag (how I learned to love the bomb) seine Gehunfähigkeit vergisst und die Katastrophe wissenschaftlich fundiert und menschenverachtend zum Hohelied des Narzimus und Machismo verkehrt. Den süffisantesten Teil des Films bildet jedoch die einmalige Schlusssequenz.

Viele Filme von Stanley Kubrick waren wegen filmrechtlicher Querelen lange Zeit aus dem Verkehr gezogen. Das Zebra-Kino freut sich ganz besonders, mit der Wiederaufführung von Dr. Strangelove einen aussergewöhnlich visionären, zugleich ebenso ernsten wie amüsanten Film auf die Leinwand zu bringen, der – wie die Entwicklungen in Pakistan, Nordkorea oder dem Iran zeigen, nichts von seiner Aktualität eingebüsst hat. Für die Ermöglichung dessen möchten wir dem Filmverleih Neue Visionen, der eine 35mm Kopie des Films neu erstellt hat, besonderen Dank aussprechen.