Ich kenne keinen – Allein unter Heteros

„Ich kenne keinen“ antworten viele Landbewohner auf die Frage, ob sie einen Schwulen kennen. „Allein unter Heteros“ fühlen sich Homosexuelle in der Provinz. Jochen Hick war bei uns um die Ecke unterwegs: Im Schwarzwald, auf der schwäbischen Alb, in Oberschwaben und in der Schweiz.

Exemplarisch portraitiert Hick das Leben von vier homosexuellen Männern: Hartmut Alber (57) ist HIV-positiv und berichtet von seinem späten Coming Out in o­nstmettingen auf der Schwäbischen Alb und den Reaktionen der Älbler. Richard (78) erinnert sich an seine Ausflüge zum Züricher Kreis wo er in seiner Jugend seine Homosexualität auslebte – was in Nazi-Deutschland den Rosa Winkel bedeutet hätte. Uwe (38) lebt mit seiner Mutter in einem kleinen Schwarzwalddorf, gönnt sich Ausflüge ins ferne Berlin, ergründet dort seine Vorliebe für Militärklamotten und wundert sich, dass die Bars in Berlin nachts um zehn noch menschenleer sind. Stefan Braun (26) aus Michelwinnaden bei Bad Waldsee ist Forstwirt. Er erzählt von seinem Outing bei den Kollegen, zeigt, wie ihm die oberschwäbische Landschaft ans Herz gewachsen ist. Er braucht Berlin nicht und findet, er lebe schon richtig zentral, Stuttgart und München sind je 150 km und Zürich gar nur 120 km entfernt.

Diese Schwulen haben sich für ein Leben auf dem Land entschieden – und sind trotz Probleme nicht in liberale Metropolen wie Berlin oder Köln geflüchtet. Während in den Großstädten Homosexuelle weitgehend akzeptiert sind sieht das in der Provinz ganz anders aus. Hier sind vermeintlich alle “normal”, also heterosexuell. Das ist zumindest die Meinung am Stammtisch. In der Provinz will niemand einen Schwulen persönlich kennen, kann man gar nicht fassen, dass sich der Berliner Bürgermeister offen zu seiner Homosexualität bekannt hat, geschweige denn, dass Schwule und Lesben mittlerweile eheähnliche Gemeinschaften eingehen dürfen. Dort ist man allen Ernstes noch der Meinung, gleichgeschlechtliche Liebe sei pervers, sündhaft und pathologisch. Jeder Konventionsbruch wird registriert und geahndet, da schwätzen die Nachbarn und Mütter schämen sich, wenn ihr Sohn kein nettes Mädle nach Hause bringt.

Erika (53), die gläubige, emanzipatorisch engagierte Mutter zweier schwuler Söhne, berichtet genau davon. Eine Anruferin bat sie um Rat: Sie hätten einen schwulen Hund gehabt, den hätten sie deshalb totgeschlagen. Nun sei auch der Sohn schwul, aber den könne man doch nicht auch erschlagen. Was man denn tun könne?

„Auf latente Weise ist ‚Allein unter Heteros’ ein politischer Film, der auf bestürzende Weise bewusst macht, dass trotz vermeintlich sexueller Liberalität im 21. Jahrhundert noch viel Aufklärung nötig ist, um einer Diskriminierung Homosexueller entgegenzuwirken. Mitunter erheitert der Film sogar dank brillanter Situationskomik, wenn einem auch das Lachen im Halse stecken bleibt“ (Bayrischer Rundfunk)

„Leute, die so daherreden, wie man gehofft hat, dass sie vor spätestens zwanzig Jahren zu Reden und zu Denken aufgehört haben. Ekel vor dem Schwulsein wird da deutlich, verschwitzte Neugier, borniertes Beharren auf einer gottgewollten Normalität. (Stuttgarter Zeitung)

Ein dummes Landei ist keiner der hier Vorgestellten, schließlich braucht es ein gerüttelt Maß an Selbstbewusstsein, um sich gegen Stammtisch, Kirchenchor und Liedertafel zu behaupten“ (Siegessäule)

„Ich kenn’ keinen – Allein unter Heteros“ erhielt auf der Berlinale den TEDDY-Award als Bester Dokumentarfilm 2003