„Das Leben ist voller Elend, Leid und Kummer – und dann ist es auch noch viel zu schnell vorbei“ (Alvy Singer)
Psychoanalyse wäre weitaus weniger zum Kotzen, wäre Sigmund Freud nicht er selbst gewesen, sondern z.B. der Protagonist eines Woody- Allen-Film. Universitätsbibliotheken könnten eine Menge Platz sparen, Traumdeuter eine Menge Energie, und – wer weiß – vielleicht wäre die Welt eine etwas unterhaltsamere.

Anlass zu solchen Spekulationen bietet Der Stadtneurotiker relativ häufig, 24mal pro Sekunde, um genau zu sein. Der Film präsentiert eine psychoanalytische Sitzung, in der Alvy Singer (Woody Allen), ein New Yorker Schriftsteller, über die Ursachen des Scheiterns seiner Beziehung zu Annie Hall (Diane Keaton) nachdenkt. Die filmische Narration folgt dabei den impliziten Regeln einer solchen Therapiesitzung: der Patient soll erst mal erzählen. Glücklicherweise ist Erzählen das vermutlich herausragendste Talent Woody Allens. Verknüpft durch lose Assoziationen kollagiert Alvy Singer nach und nach ein Bild einer Beziehung, das weder ein sinnhaft Ganzes sein will noch kann. Einzelne Protagonisten beginnen sich Alvys retrospektivem Wunschdenken zu widersetzen und emanzipieren sich von seiner Version der Geschichte, die dann jeweils wieder geändert werden muss. Erinnerungselemente werden umgeformt, angepasst und neu zusammengesetzt, alles mit einem Ziel: um überhaupt noch und, um weitererzählen zu können.

Das Weitererzählen, um das es Woody Allen geht, ist dabei weitaus unanstrengender als man nun vermuten könnte. Es lebt von grotesken Begegnungen mit grotesken Charakteren (wenn Shelley Duvall z.B. Alvy damit konfrontiert, dass Sex mit ihm ein „kafkaeskes“ Erlebnis sei) oder von unterhaltsamen Machtphantasien (wenn Alvy, um eine medientheoretische Diskussion im Keim zu ersticken, Marshall McLuhan für ein kurzes Statement zu seinen Gunsten aus dem Off bittet). Und natürlich von all den paranoiden, neurotischen Gesten, die wir von ihm gewohnt sind.
Das alte Lied von Sex und Tod… in der speziellen Woody-Allen-Version und deshalb unbedingt sehenswert.