BRD/Frankreich/Italien 1962; 114 Min.;
Regie: Orson Welles nach dem gleichnamigen Roman von Franz Kafka; mit: Anthony Perkins, Jeanne Moreau, Romy Schneider, Orson Welles

„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas böses getan hätte, wurde er verhaftet.“ Mit diesem Satz beginnt Franz Kafkas Roman Der Proceß (niedergeschrieben 1916). Josef K. wird am Morgen seines 30. Geburtstags für ‚verhaftet‘ erklärt. Weswegen oder wofür bleibt ihm und dem Leser vorenthalten. Allerdings, so erklärt einer der Wächter, werde das ‚Gericht‘ „von der Schuld angezogen“. Josef K. wird im Folgenden versuchen, seine Unschuld zu erzwingen oder das Gericht durch Missachtung selbst zu strafen. Seine Befreiungsversuche schlagen fehl und das ominöse Gericht wächst sich aus von „vermeintlichen Windmühlen zu wahren Riesen“.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde auch das letzte, als nicht verfilmbar gehandelte Buch geknackt. In der Zeit der Verfilmung des Proceß anfangs der 60er wurden die Grundzüge dafür ermöglicht. Orson Welles hat zwar den Stoff so originalgetreu wie möglich aufgenommen, musste jedoch gegenüber Kafka ein verändertes ’spätergeborenes‘ moralisches Universum darüberlegen, was beispielsweise im Umgang mit dem Schluss deutlich wird: „To me that (Kafkas) ending is a ballet written by a Jewish intellectual before the advent of Hitler. Kafka wouldn’t have put that in after the death of six million jews. It all seems very much pre-Auschwitz to me.“ Beobachtung, Denuntiation, Totalitarismus, andererseits Henker, die wie Tenöre aussehen, können nicht mehr ‚pre-Auschwitz‘ gezeigt werden.
Die zweite, diesmal filmhistorische Veränderung im Umgang mit anspruchsvollen Stoffen (wie ‚Weltliteratur‘) liegt im Zusammenbruch des Verleihsystems der amerikanischen Filmstudios. Damit einher geht die produzentenseitige Öffnung der Budgets für „nicht-mainstreamige“ Stoffe, die zudem mit (teuren) Stars besetzt werden konnten. Im Prozeß wird ein ständig gehetzter Anthony Perkins (Josef K.) kontrastiert von Romy Schneider (Leni), der laszivsten Gehbehinderten der Filmgeschichte und dem bettlägrigen Adokaten Huld (Welles himself). In unüblich langen Einstellungen spiegelt sich Josef K.s Irrlauf als ‚Drama der Gesichter‘ (Orson Welles damals bevorzugter Regie-Stil) wieder. Das ‚Drama der Gesichter‘ wird überschattet von zeitlosen, expressionistischen Bauten, vom ebenso himmelhochragenden wie baufälligen ‚Gericht‘ und nicht zuletzt vom kafkaesken ‚Steinbruch des Textes‘.