Im Februar 2002 bekamen Oliver Stone und sein Kamera-Team volle drei Tage Zeit, um den kubanischen Staatschef Fidel Castro zu interviewen.

Die aus den 60 Stunden Filmmaterial herausgearbeiteten 100 Minuten wirken so authentisch, als wäre die schwankende Handkamera nicht dabei gewesen. Der Fernsehsender HBO, der Stone mit dem Dokumentarfilm beauftragt hatte, lehnte den Film jedoch – angeblich wegen des seiner Meinung nach zu positiv ausgefallenen Tenors – ab, was nun dem europäischen Kinopublikum zugute kommt.

Tatsächlich ist Comandante ein verblüffend schmeichelhaftes Porträt des ehemaligen Revolutionärs und heutigen Diktators. Der beeindruckte Stone zeigt den eloquenten Führer als einen Menschen, der strategisches Denken und Pragmatismus, Größe und Bescheidenheit, Verletzbarkeit und Stärke in sich vereint, als einen, der geprägt ist von seinem Leben für die „größere Sache“.

Für den Filmemacher Stone, der sich mit Comandante das erste Mal auf dokumentarisches Glatteis wagt, scheint demnach von vornherein festgestanden zu haben, was er vorfinden will: den vom Volk verehrten und vom amerikanischen Imperialismus bekämpften máximo líder in Uniform unter blauem Himmel.

So ist es Stone nicht nur gelungen, in wild zusammengefügten Ortsgesprächen und Autofahrten, die Distanz zum Comandante aufzuheben, sondern auch das Phänomen Stone mehr herausragen zu lassen als das Phänomen Castro. Das Zusammentreffen der beiden Big Ones dient auch eher der Suche nach Bestätigung als nach Erkenntnis – und doch gelingt es Stone, Castro immer wieder erstaunliche Geständnisse zu entlocken: die angesprochenen Themen sind nicht eben uninteressant und reichen von Castros Einschätzung historischer Prozesse über die Haltung der Kubaner zur Homosexualität bis hin zu Chruschtschow, Sophia Loren und Viagra.

Obwohl Stone bei eminent wichtigen Fragen wie Menschenrechten und Folter nicht nachbohrt, wenn Fidel mal wieder ausweicht, ist es ihm überraschenderweise gelungen ein spannendes und interessantes Bildnis des Steh-auf-Diktators zu zeichnen, das nicht nur Einblick in sein Privatleben gewährt, sondern auch ein Stück Geschichte wieder lebendig werden lässt.