Letztes Jahr in Marienbad ist ein Film ganz von oben, beinahe schon aus dem Himmel der europäischen Film- und Kulturgeschichte. Das Thema des Films entführt den Zuschauer in eine Zwischenwelt zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen klaustrophobischer Innenwelt und detailfixierter Realitätsbeschreibung.
Die Geschichte ist eigentlich die alltägliche Geschichte zwischen einem Mann und einer Frau, zwischen Liebesversprechen und Beziehungslosigkeit. Die filmische Inszenierung dieses Themas ist jedoch unübertroffen. Der Titel verweist nicht ohne Grund in eine Landschaft ganz in der Nähe von Prag, der Stadt von Franz Kafka…
Während einer Gesellschaft in einem prunkvollen Barockschloss will ein Mann eine junge Frau überzeugen, dass sie einander einmal begegnet sind und sie ihm versprochen habe, einen anderen Mann zu verlassen. Während er sie mit bruchstückhaften Erzählungen aus der unbestimmbaren Vergangenheit konfrontiert, quält sie sich damit ab, sich erinnern zu können. Resnais verwebt Zeit- und Wirklichkeitsebenen zu einem komplizierten System geheimnisvoller Rückbezüge, Parallelen, Hypothesen und Kontraste. Das Labyrinth wird zum zentralen Symbol und Ereignisort: Labyrinthisch sind auch die Bilder, Montagen und Schauplätze, obwohl sie zugleich einem strengen, fast abstrakten Konzept untergeordnet sind.
Letztes Jahr in Marienbad ist eine eindrucksvolle filmische Reflexion über die Schwierigkeit, Wirklichkeitseindrücke zu objektivieren, Gefühl und Realität zu trennen. Selten sind sich Film und Literatur so nahe gekommen – obwohl sie eigentlich dann auch wieder ganz fern zueinander sind…
