Ein Mann um die sechzig sucht die Einsamkeit und Abgeschiedenheit des mexikanischen Hochlandes auf. Zerlumpt gekleidet und unrasiert gibt er ein Erscheinungsbild der Hoffnungslosigkeit und Selbstaufgabe ab. Aus seinem zerfurchten Gesicht und dessen Mimik vermeint man als Zuschauer Selbst- und Weltekel, Lebens- und Todesverachtung erspüren zu können. Der Eindruck, der sich dem Betrachter aufdrängt, ist derjenige eines Menschen, der mit sich und der Welt abgeschlossen hat. Eine stoische Gelassenheit und eine alles umfassende Gleichgültigkeit scheinen diesen Namenlosen bis in das tiefste Innere seines Selbst zu prägen. Dieser Eindruck täuscht nicht, denn schon bald wird klar, was der Zweck dieser Reise in die Einöde der kalten, abweisenden Bergwelt ist: Selbstmord! Das Ziel des Lebensmüden wird also offen gelegt, im Dunkeln bleiben dessen Beweggründe.
Ascen, eine ungebildete, sehr religiös orientierte, alte Frau fristet in der lebensfeindlichen Umgebung eines abgeschieden gelegenen „Bergnestes“ in bitterster Armut eine einsame Außenseiter-Existenz.
Sie stellt den Widerpart zur männlichen Hauptfigur dar. Ascen gewährt dem Lebensüberdrüssigen Unterschlupf für dessen „letzte Tage“. Aus dieser Begegnung entwickelt sich eine besondere psychologische Dynamik, die in ein unerwartetes Finale mündet. Japón wurde, wie Un titán en el ring übrigens auch, mit Laiendarstellern gedreht. „Die männliche Hauptrolle wurde inspiriert durch einen Freund meiner Eltern, Alejandro Ferretis“, erklärt der Regisseur Carlos Reygadas. „Ich kenne Leute wie ihn, die sehr viel über die Welt wissen, die sehr kultiviert sind und denen am Ende doch so etwas wie das savoir-vivre fehlt“, fügt er erläuternd hinzu.
Japón ist das beeindruckende Regiedebüt eines wirklich großen, vielversprechenden Talents. Die Zukunft des iberoamerikanischen Films ist ohne den ehemaligen Völkerrechtler Carlos Reygadas nicht mehr denkbar. Japón besticht nicht nur durch die Art und Weise, wie der Film existenzielle Fragen aufwirft, sondern auch durch seine atemberaubende, visuelle Schönheit, die — gepaart mit einer sorgfältig gewählten Filmmusik — zu einem überwältigenden Filmerlebnis wird. Japón berührt – nachhaltig!