Italien/Spanien/Großbritannien 2002; 109 Min; OmU
Regie: Gabriele Salvatores; Buch: Francesca Marciano, Niccoló Ammaniti; mit: Giuseppe Cristiano, Mattia Di Pierro, Aitana Sánchez-Gijón, u.a.
Es ist das Jahr 1978. Der heißeste Sommer seit langem legt das Leben auf den Hügeln des süditalienische Apulien lahm. Satte, goldgelbe Weizenfelder mit vereinzelten roten Klatschmohnklecksen wiegen sich in einer lauen Brise. In kompromissloser Eintracht harmonieren sie mit den ockerbraunen Tönen der sandfarbenen Straßen und Häuser. Nichts scheint die friedliche Atmosphäre stören zu können.
Bereits die ersten Einstellungen bei denen die Kamera von der malerischen Landschaft auf einen schwarzen Raben schwenkt und spielende Jungen zeigt, die am Wegesrand tote Mäuse entdecken, kündigt die trügerische Idylle an.
Die ärmlichen Verhältnisse der Familien, die in einem winzigen Dorf inmitten der Kornwüste wohnen, lassen einen Ausflug ans Meer nicht zu. Und so jagen die Kinder auf ihren Fahrrädern der Abwechslung entgegen, ständig auf der Suche nach neuen Abenteuern.
In ein solches gerät der 10-jährige Michele, der mit seiner Schwester Maria und seinen Eltern den erbarmungslosen Sommer bestreitet. Durch Zufall stößt er in der Nähe eines verfallenen Gutshauses auf ein sorgfältig getarntes Erdloch. Als er neugierig hineinlugt, macht er eine gruselige Entdeckung: Im einfallenden Sonnenlicht erkennt er ein angekettetes Bein, das zu einem verwahrlosten Kinderkörper gehört. Michele erschrickt und sucht das Weite. Kinder behalten Geheimnisse gern für sich und auch Michele erzählt niemandem von seinem grausamen Fund.
Der kleine Mensch im Erdloch jedoch lässt ihn fortan nicht mehr los. Er beschließt seine Angst zu überwinden und zurückzukehren. Dort wird er mit einer schrecklichen Wahrheit konfrontiert: Wie ein gefährliches Raubtier wird ein Junge in Micheles Alter in der Grube gefangen gehalten. In der festen Überzeugung bereits tot zu sein, gibt das erschöpfte Kind nur noch wirre Worte von sich.
Die Verfilmung von Niccolós Ammanitis Roman “Die Herren des Hügels”, das von Gabriele Salvatores zu einem opulenten Kinderdrama inszeniert wurde, ist mehr als nur ein gut erzählter und ansprechend bebildeter Thriller. Vielmehr preist Salvatore mit darstellerischer Behutsamkeit den Mut des Einzelnen, für Gerechtigkeit einzustehen. Er appelliert an das Gewissen und die Verantwortung und skizziert dabei die ökonomische Kluft zwischen Nord- und Süditalien.
Ich habe keine Angst, der aus der Perspektive eines Kindes erzählt ist, hält sich dabei auch an seine handwerklichen Vorgaben. So überschreitet die Kamera selten eine Höhe von über 1,30 m. Dabei fängt sie in überwältigend poetischen Bildern den schmerzhaften Prozess des Erwachsenwerdens ein.
Die kleine Geschichte, die sich im Verlauf des Films zu einer epischen Parabel mit umfassender Universalität entpuppt, war 2003 im Wettbewerb der Berlinale zu sehen und lief im Frühjahr 2003 in den italienischen Kinos mit viel Erfolg bei Publikum und Kritik. Bei der Vergabe des italienischen Oscars David-di-Donatello 2003 war Ich habe keine Angst einer der großen Gewinner, und wurde unter anderem für Regie, Nebendarsteller und Bildgestaltung prämiert.