Gepriesen seien die Kulturinstitutionen und das Kino im Speziellen, gepriesen seien Momente purer Schönheit und die Ästhetik im Allgemeinen – und – gepriesen sei vor allem: Takeshi Kitano.
Mit Dolls legt der mit Sicherheit großartigste japanische Regisseur der Gegenwart seinen zweitneuesten Film (der neueste, der Schwerkampffilm Zatoichi findet hoffentlich bald seinen Weg in die europäischen Kinos) vor und beschreitet gleichzeitig stilistisches Neuland. Denn die sichtbare Gewalt, die wohlbekannte und für Kitano typisch gewordene Kontrastierung von eruptiver, brutaler Aggression und kontemplativer, statischer Ruhe, wie sie in Sonatine, Hana Bi oder Brother zu sehen war, wird hier auf ein Minimum reduziert. Spätestens mit Brother fiel auch dem geneigtesten Zuschauer auf, dass dieses Motiv sein Haltbarkeitsdatum bereits überschritten hatte. Mehr war nicht mehr zu sagen ? Kitanos Lieblingsmotiv drohte zur Dauerwiederholung zu werden. Schön also zu sehen, dass Kitano den langweiligen Hafen des Selbstzitats sicher umschifft, um sich mit seinem neuen Werk einem traditionell japanischen Stoff zu widmen.

Dolls beginnt mit der Aufführung eines Bunraku-Theaterstücks im Nationaltheater von Tokio. Das traditionelle japanische Puppentheater wird zum Ausgangspunkt dreier Episoden, die – ausgehend von der Theaterform – streng stilisiert in Szene gesetzt sind. Roland Barthes schreibt vom Bunraku, dass es ?die Quellen des Theaters in ihrer Leere ausstellt? und weiter: ?Der Bunkraku befreit […] die Tätigkeit des Schauspielers von jedem sakralen Beigeschmack und zerstört das metaphysische Band, das der Westen zwischen Seele und Körper, Ursache und Wirkung, Schicksal und Mensch, Gott und Schöpfer herzustellen nicht umhin kann?. Von ?symbolischen Bildern? soll hier also nicht gesprochen werden, ebenso wenig wie von einem ?tieferen Sinn?. Und auch das rote Band, das Matsumoto und Sawako, die Personen der ersten Episode und gleichsam diejenigen, die den ganzen Film ?durchwandern?, verbindet ist kein metaphysisches. What you see is what you see. Wer Kitano kennt, weiß, dass das mehr als genug ist.

Mit einem unglaublichen Gespür für visuelle Schönheit, einem ausgeprägten Gefühl dafür, wie lange ein Bild wirken soll und kann und einer Detailbesessenheit, die ihresgleichen sucht (man achte auf die Kostüme von Stardesigner Toshij Yamamoto) inszeniert Kitano mit Dolls seinen besten Film seit Hana Bi , und so fügen sich die drei Episoden, die alle auch eine Geschichte von Liebe und Schicksal erzählen, schließlich zu einem mächtigen ?Bildpoem voller Melancholie? (filmdienst).

Japan 2002; 114 Min.
Regie und Buch: Takeshi Kitano; mit: Miho Kanno, Hidetoshi Nishijama, Tatsuya Mihashi, Kyôko Fukada, Ren Osugi, u.a.