Sie haben sich bestimmt schon oft gefragt, wie es denn kommt, dass die Welt weiter geht und warum die Dinge sich verändern. Auch wenn Sie es kaum glauben mögen, die Antwort ist ganz einfach.

Die Einrichtung der Welt kann eigentlich nur so sein: Wenn wir abends schlafen gehen, kriecht ein Trupp unsichtbarer Bauarbeiter aus seinen geheimen Verstecken und baut alles ab, was es auf der Welt gibt. Dann können die Dinge der Dingwelt sich ausruhen und erholen, bis sie am nächsten morgen wieder gebraucht werden. Kurz bevor wir erwachen, haben die Bauarbeiter bereits alles wieder dahin gebracht, wo es vorher war und wir, die wir selig geschlafen haben, bekommen gar nichts davon mit. Sie können nun sagen: „Danke schön, jetzt weiss ich das auch.“ Bitte schön. Aber lassen Sie sich warnen: Es wird Ihnen nichts nützen, den Wecker auf vier Uhr morgens zu stellen. Sie werden sehen, die anderen sind immer schneller.

„Was“, so fragen Sie nun, weil sie um die Nachprüfbarkeit dieser Wahrheit betrogen wurden, „hat das bitte mit „Blessing Bell“, oder Sabu zu tun?“

Sie haben recht, gar nichts. Vielleicht ein kleines bisschen. Stellen Sie sich vor, die Bauarbeiter haben nur einen ganz kleinen Fehler gemacht und die nächtens veranstaltete Einrichtung der Welt geht aus irgendeinem Grund schief. Wir wachen auf, ein neuer Tag, ein neues Glück, aber das uns Gewohnte ist nicht mehr dasselbe, sondern nur noch irgendwie ähnlich oder – anders. Sie können es ruhig zugeben. Das könnte eine Geschichte aus Ihrem Leben sein oder – die andere Möglichkeit eben – ein Film von Sabu.

Ein neuer Morgen bricht heran. Die Fabrik, in der Igarashi (Susumu Terajima) arbeitet, wird stillgelegt. Grund genug für Igarashi, sich in Bewegung zu setzen. Stumm, wie einst ‚der Tramp’, macht sich Igarashi auf, um in der Bewegung ein Ziel zu finden. Igarashi wird Zeuge und Gegenstand verschiedener Weichenstellungen, die jeden Lebensweg schicksalhaft beeinflussen könn(t)en und insbesondere das Leben mit dem Tod konfrontieren. Auf seinem Weg begegnet er einem Yakuza, dem ein Messer im Bauch steckt, einem Mörder aus Eifersucht, einem Krebskranken und deswegen Selbstmörder, er begegnet einem Geist (gespielt von der japanischen Regie-Legende Seijun Suzuki), er wird von einem Auto überfahren, er findet (auf den Hinweis des Geistes) ein Lotterie-Los, das ihn vorübergehend zum Millionär macht, er rettet zwei Kinder aus einem brennenden Haus, er wird zum Mörder und schliesslich von der Mutter der geretteten Kinder um das Millionen-Los betrogen. Der wortlose Igarashi kann seiner Umwelt nur mit basaler Neugier und befremdetem Erstaunen begegnen.

Vollkommen zu Recht, würden Sie sagen, wenn es Ihr Tag gewesen wäre, dass es ein Scheiss-Tag gewesen wäre. Igarashi erreicht am Abend das Meer. Dort stürzt er in ein Loch und betrachtet den Sternenhimmel, Erkenntnishöhle und Metaphysik, er weint. Doch das ist gerade nicht der point of no return, sondern Igarashi kehrt bei Sonnenaufgang um. Nun setzt zum ersten Mal Film-Musik ein. Aus seinem Gehen wird ein Rennen, gerade so, als ob rennend die Kontingenz der Ereignisse unwirksam gemacht werden könnte. Rennend ziehen die Orte der Ereignisse an ihm vorüber, bis er ankommt, zuhause, und ganz im Ernst, bei seiner Frau. Unter dem Klang der blessing bell beginnt Igarashi zu … nun, was würden Sie tun?

Das Schönste an „Blessing Bell“ ist die skurrile Verbindung der Gegensätze von Langsamkeit der Erzählweise und dem Action-Reichtum der Handlung. Während sich die Ereignisse überschlagen, ist die Erzählweise ungewöhnlich still, wortlos poetisch. Dabei setzen sich die Ereignisse ausserhalb des Bildes fort, machen Platz für bizarre Nachtaufnahmen, subtile Licht-Schatten-Spiele und aussergewöhnlich schön photographierte Industrielandschaften. Wenn Sie glauben, dass die Gleichzeitigkeit von schnell und langsam ein Paradox sei, dann nur deswegen, weil Sie den Film nicht gesehen haben. Lassen Sie sich überzeugen. Glauben Sie mir!